09 Freiheit

„Heute wissen wir, dass uns nur noch bleibt, uns an die gesteigerte Bewusstheit zu erinnern und die Ganzheit unserer selbst wiederzugewinnen. Und wir wissen auch, je mehr wir uns erinnern, desto größer wird unser hoher Mut und unser Staunen sein, desto größer aber auch unsere Zweifel, unsere Erschütterung.“ Carlos Castaneda

Die Matrix

Der erste Anflug echter Freiheit ist eine zutiefst verstörende Erfahrung. Die Überwindung unserer sozialen und individuellen Programmierung ruft tiefste Ängste hervor, die bei jedem Menschen anders aussehen können. Echte Freiheit ist zunächst eine Erfahrung der Schutzlosigkeit und einer Notwendigkeit zur Akzeptanz unserer Verletzbarkeit. Alle unbewussten und nicht bewussten Kräfte, die als Teil unserer Psyche im Verborgenen agieren, wollen eigentlich unsere Sicherheit garantieren. Es sind biologische und psychologische Programme, die uns in Abhängigkeit halten, mit dem Ziel uns zu beschützen. Manche dieser Programme entstehen als Teil unserer Gedanken und Überzeugungen und rufen Emotionen hervor, die uns dazu zwingen, uns auf bestimmte Weise zu verhalten. Andere emotionale Programme, wie Traumatisierungen entspringen unangenehmen Erfahrungen aus unserer Vergangenheit.

Wenn wir zu irgendeinem Zeitpunkt, meist unsere Kindheit oder Jugend, eine Erfahrung machen, deren emotionale Gewalt wir nicht verarbeiten konnten, dann blendet unsere Psyche diese Aspekte in Zukunft aus. Wir reagieren dann mit Scham, Wut und Verdrängung, sobald dieser vergessene Teil unserer seelischen Landschaft berührt wird. Unser Verhalten wird abwehrend und wir fühlen uns scheinbar grundlos angegriffen. Eine so erlernte Blockierung ist ein vom Ganzen unseres Wesens getrennter Seelensplitter. Im Schamanismus spricht man von verlorenen Seelenanteilen auf Grund von Traumata. Der Schamane heilt einen Patienten von seiner Depression oder Sucht, indem er sich in seiner Traumreise auf die Suche nach dem verlorenen Seelenanteil macht und diesen zurückbringt. Am Ende einer Sitzung dann auch in symbolischer Form an seinen Patienten übergibt.

Echte Freiheit geschieht durch das Zusammenführen unserer verlorenen Seelenanteile. Da diese nicht mehr unterdrückt werden müssen, heilen wir so unsere Abhängigkeiten augenblicklich. Ich will nicht behaupten, dass das immer erfolgreich ist und ich bin auch kein Schamane, aber diese bildhafte Beschreibung der Erinnerung an unser wahres Wesen zur Heilung unserer gebrochenen Psyche, finde ich sehr schön und stimmig. Die eigene Psyche zu reparieren gleicht dem langsamen Schälen einer Zwiebel. Ab einem gewissen Punkt erreichen wir dabei auch Ebenen, die nicht mehr allein aus unserer persönlichen Geschichte geboren sind. Schon seit längerem untersuchen Psychologen und Biologen in der Epigenetik und Traumaforschung nach den Mustern von vererbtem Verhalten, das über viele Generationen hinweg weitergegeben wird.

Die dunkle Nacht der Seele

Es konnte dabei bspw. nachgewiesen werden, dass selbst adoptierte Kinder nicht nur mit höherer Wahrscheinlichkeit an in ihrer Familie verbreiteten psychischen Problemen leiden, sondern auch an gängigen Erbkrankheiten und körperlichen Symptomen bis hin zu Krebs. Gewöhnlich fängt niemand von uns freiwillig an, die „richtigen“ und wichtigen Fragen zu stellen. Die persönliche Leidensgeschichte bleibt solange verdeckt, wie wir uns vormachen können, dass wir alles im Griff hätten oder jemand anderes an unserem Elend Schuld trägt. Sobald wir aber beginnen die „richtigen“ Fragen zu stellen, um unsere Geschichte und uns selbst besser zu verstehen, betreten wir ein Reich endloser Rätsel und unendlichen Potentials. Leider beginnt diese Reise, verursacht durch persönliches Leid, selten mit der Erlösung. Zunächst führt uns dieser Weg in die Gewahrwerdung unserer Schatten und all jener Energien unseres Unbewusstseins, die auf ihre Befreiung warten.

Der christliche Mystiker Johannes vom Kreuz nannte die dabei anbrechende Phase der Selbsterkenntnis „die dunkle Nacht der Seele“. Sie beschreibt den meist stufenweisen Verlust aller unserer Vorstellungen davon, wer wir sind, was die Welt ist und welche Rolle wir in ihr spielen. Die große Herausforderung des Egos durch die Erkenntnis unserer eigenen Verantwortung für alles, was in unserem Leben geschieht. Der Preis für echte Selbsterkenntnis ist der Verlust unserer Illusionen, welche uns die Verantwortung abnehmen und uns in einem kindlichen Traum von Sicherheit wiegen. Echte Freiheit ist nur in der seelischen Selbstbestimmung zu finden! Weshalb wir nun gezwungen sind, unterscheiden zu lernen. Was an uns sind wir wirklich? Welche Glaubenssätze, die wir nie hinterfragt haben, grenzen uns ein und verhindern das Aufblühen unserer Seele?

Unsere unbewussten Glaubenssätze kommen dabei immer näher an die Oberfläche und drängen darauf, gesehen zu werden. Das kann sich anfühlen, als ob wir zwischen mehreren gegensätzlichen Kräften zerquetscht werden. Wir können unsere alte Welt immer weniger aufrecht erhalten und verlieren eventuell unseren Job, die Beziehung, Freunde und mehr. Etwas quält uns wie ein „Splitter in unserem Verstand“. Bis wir irgendwann gar nicht mehr wissen, was wir wollen, wer wir sind und wohin unsere Reise geht. Unsere alten Vorstellungen wurden von unbewussten Kräften erzeugt, welche nun um ihr Überleben kämpfen. In diesen Kräften, wenn sie uns langsam bewusst werden, liegen aber auch die von uns so sehnsüchtig gesuchten Antworten verborgen. Alles Leid entsteht aus Leidenschaft, aus unserem „Wollen“, unser Glück erzwingen zu wollen.

Das Loslassen

Die Wahrheit gefällt uns nicht. Aus diesem Grund halten wir sie vor uns verborgen. Die Wahrheit missfällt unserem Ego. Wer die Wahrheit zulassen kann, der erfährt alles über die Natur der Dinge, was er wissen muss. Da gibt es keine Fragen mehr, nur Leichtigkeit und Energie, Sinn und Wahrhaftigkeit. Da gibt es keinen Grund sich zu streiten oder zu beschweren. Was uns gefangen hält, ist unsere unbewusste Vorstellung vom Leben. Alle die Dinge von denen wir glauben, dass wir sie brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Es geht nicht darum, auf irgendetwas zu verzichten. Es geht darum, auf alles verzichten zu können. Wenn ich habe, was ich will, kann ich dann ehrlich wissen, ob ich fähig bin, zu verzichten? Wer hat nicht bereits die Erfahrung gemacht, dass alle Dinge, die wir uns wünschen just in dem Moment erreichbar werden, da wir gelernt haben auf sie verzichten zu können?

Wir wissen nun, dass wir unsere unbewussten Vorstellungen erkennen und loslassen müssen. Doch wie können wir von unserem Wollen loslassen? Wenn ich mich darin übe loszulassen, dann bin ich doch immer noch im Wollen, nämlich das Wollen loszulassen, damit ich endlich frei bin. Die seelische Öffnung kann nicht erzwungen werden. Wir müssen stattdessen lernen, uns selbst im verzweifelten und aussichtslosen Wollen zu lieben. Die ganze Erfahrung! Hier liegt Freiheit. Wir beobachten und erinnern uns. Wir beobachten, dass wir Wollen, atmen durch und akzeptieren. Wir lernen uns selbst zu akzeptieren. Wir können das Leben nicht kontrollieren, auch nicht unser Wollen. Wir beobachten unser Verhalten und lernen Aufmerksamkeit. Deshalb lehren uns die heiligen Wege Meditation und Fasten. Der Verzicht macht uns aufmerksam für unsere innere Verkrampfung und die Meditation lehrt uns das Loslassen.

Dann, in besonderen Momenten, geschieht das Wunder. Wir wachen auf und wir fühlen uns leichter. Wir haben einen Gedanken und wir fühlen uns wacher. Das ist nichts das „wir“ getan haben. Es geschieht uns. Es ist Gnade. Gnade ist die Antwort des Himmels auf die gewachsene Selbstakzeptanz, unsere bedingungslose Liebe zu uns selbst. Nur wo die bedingungslose Liebe existiert, kann echte Freiheit sein. Nur wenn wir frei sind, können wir bedingungslos lieben.

Freiheit ist Liebe und Liebe ist Freiheit.

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