S1 Sex oder Liebe

Sex und Tod

Alle Angst ist eigentlich Angst vor dem Tod, so heißt es. Ich bin mir da nicht sicher. Schaue ich in die Natur, dann scheint der biologische Sinn einer Kreatur die Weitergabe ihrer Gene zu sein. Danach kann sie das Zeitliche segnen. Nicht wenige Arten verbinden Zeugung und Tod. Spinnenkinder, die ihre Mutter nach der Geburt fressen. Gottesanbeterinnen, die ihren Partner nach dem Sex verspeisen. Mir scheint, die Natur steht dem Tod recht gleichgültig gegenüber, solange die Art überlebt. Was die Kreatur benötigt, ist Lebensangst, damit sie nichts außerplanmäßiges riskiert und solange überlebt, bis sie sich vermehren konnte. Bei vielen Säugetieren und ganz besonders unseren nächsten Verwandten, haben sich daher Muster entwickelt, welche Lebensrisiko, soziale Ordnung und Sexualität bestimmen. Während es bei den in der Fülle des Regenwalds lebenden Bonobos zum Wohle der gegenseitigen Verständigung heisst: Alles geht, nichts muß, kämpfen Schimpansen in der trockenen Savanne um das sexuelle Vorrecht des Stärkeren.

Interessanterweise zeigen Menschen beide Verhaltensweisen, während unsere Sexualanatomie am meisten Ähnlichkeit mit Bonobos aufweist und weniger mit Schimpansen, oder mit rein monogam oder polygam lebenden Affenarten. Obwohl unsere natürliche sozialbiologische Perspektive den Umgang mit Sexualität offen lässt, hatten sich auf der kulturellen Ebene abhängig von Zeit und Ort die unterschiedlichsten Normen ausgeprägt. Sexualmoral war immer eine Frage der sozialen Ordnung, der Sex den jeweiligen Werten untergeordnet, welche eine Gesellschaft zu ihrem Überleben als notwendig erachtete. Auffallend ist dabei eines: Je mehr eine Gesellschaft in den materiellen Überlebenskampf verstrickt war und ganz besonders mit dem Aufkommen von Besitz, desto strenger wurden die Spielregeln. Ein gutes Beispiel sind die üppigen Inseln von Hawaii. Die einzige Bevölkerungsgruppe für die sexuelle Spielregeln galten, waren die Aristokraten, die einzigen mit Besitzanspruch und somit Erbe. Das änderte sich mit der Einführung des Handels mit den Europäern und der Vereinigung des Inselreiches unter einem Gewaltherrscher.

Sex bestimmt fast unser gesamtes soziales Leben von der Wiege bis zur Bahre. Die Gesellschaft täuscht sich über diese Wahrheit gerne hinweg mit ihren Moralvorstellungen und Mythen. Wie sähe es in unserer Gesellschaft mit der sexuellen Freizügigkeit aus ohne Verhütungsmittel? Mit ziemlicher Sicherheit würden wir in einer konservativen Welt leben, in der Pornographie illegal und Sex vor der Ehe extrem verpöhnt wäre. Es geht hier in Wahrheit um das wirtschaftliche und soziale Überleben, nicht um Moral – Mothers baby, fathers maybe – Jede Gesellschaft baut ihre Ordnung letztlich um die sexuellen und sozialen Ängste der Menschen herum auf. Hier geht es für die Männer darum, sich eine besondere soziale Stellung zu erkämpfen und für die Frauen „aus gutem Hause“ sich einen erfolgreichen Mann zu angeln. Auch wenn wir mit den Verhütungsmitteln zu mehr Freiheit gelangt sind, herrschen die unbewussten Ängste unseres Selbstbildes und der jahrtausende langen Traumatisierung und Zweckentfremdung unserer Sexualität nach wie vor über unser Verhalten.

Der Marktplatz der „Liebe“

Im Mythos der romantischen Liebe wie sie ihn sich unsere Gesellschaft gerne erzählt, finden sich zwei Menschen zusammen, weil sie durch ihre Gene oder vom Schicksal für einander bestimmt sind. Dann baut man sich ein gemeinsames Gefängnis, für das man sich selbst Lebenslänglich verordnet. Und wenn man daran arbeitet und nur genug Leidensbereitschaft besitzt, dann kommt das Glück oder auch nicht. Aber warum tun wir das wirklich? Warum führen wir überhaupt Beziehungen, mit all ihren Einschränkungen, Kompromissen, Missverständnissen und Quälereien?

Weil wir uns lieben?

Wirklich?

Ist es nicht viel mehr so, dass wir es aus „wirtschaftlichem“ Interesse tun. Nicht unbedingt im Sinne materieller, aber emotionaler, bzw. sexueller Absicherung. Für beide Geschlechter bedeutet eine traditionelle Beziehung den Verzicht auf ihre sexuelle und damit weitere soziale Freiheit. Für die meisten Männer bedeutet eine Beziehung zunächst mal einen weitläufigen Verlust an Freiheit, da sie nun den zahlreichen Ängsten und Anforderungen ihrer Frauen zu dienen haben. Sie tauschen ihre Freiheit gegen die Intimität der körperlich attraktivsten Frau, welche sie zum Zeitpunkt der Entscheidung für sich gewinnen können. Frauen dagegen tauschen ihre Freiheit häufiger für die emotionale und soziale Sicherheit, sowie das Gefühl „etwas besonderes“ zu sein.

Attraktivität wird nun von Merkmalen bestimmt, welche aus unseren Vorstellungen geboren werden. Unsere Prägungen, Ängste, Meinungen haben nun einen Einfluß darauf, für wen wir Emotionen entwickeln. Jede menschliche Beziehung ist ein Knebel. Männer fürchten den Verlust ihrer Freiheit und entziehen dem Spiel ihre Liebe. Frauen fürchten um die Verletzung ihrer Liebe und flüchten in die Freiheit, natürlich genau in die Hände jener, welche sie noch tiefer verletzen werden. Jeder verliebt sich entsprechend seiner Vorstellungen und unbewussten Motive, welche sich im Partner spiegeln, während er versucht, den höchsten Preis herauszuhandeln. Verliebtheit ist die Konzentration auf das Spiegelbild unseres Egos.

Sex und der emotionale Kuhhandel

Unser Glaube, unsere Freiheit tauschen zu müssen, um geliebt zu werden, ist eine Illusion. Sie ist die Ursache für alle unsere Verletzungen gegebene wie erlittene. Unsere Seele interessiert sich nicht für den Tod, nicht den körperlichen und schon gar nicht den sozialen. Sie sucht Kontakt und der Verlust echten Kontakts schmerzt. Dabei ist dieser Kontakt in Freiheit und Liebe alles, was wir uns wirklich wünschen. Solange wir aber Kompromisse machen und Erwartungen besitzen, wie sollen wir uns da in wirklicher Offenheit begegnen können? Die Menschen verstecken sich in ihren Beziehungen vor einander und vor der Welt. Wer wirklich tiefe Sexualität besitzt, Herz und Selbsterkenntnis, der weiß, da gibt es einiges, was man sich in der Öffentlichkeit nicht auszusprechen traut.

Der immer geringer werdende Bewegungsspielraum unserer Beziehungen begrenzt das Leben, wie den Sex und lässt sie fad werden. Die Folge sind unterdrückte Wut und Vorwürfe, Flucht in die Sucht und den Materialismus. Es geht dabei nicht um einen Streit zwischen Polygamie und Monogamie. Das sind irrelevante Schubladen aus dem Verwaltungsgebäude unserer Kleingeistigkeit. Entscheident ist: Verzichtet jemand auf den Beruf seines Herzens, das Hobby seines Herzens, die Intimität mit einer weiteren Person seines Herzens, das Recht mal allein zu sein, oder aus Angst emotional epresst zu werden? Wer wirklich ehrlich ist, muss sich eingestehen, dass jede Beziehung ein Kuhhandel ist, die nicht aus Liebe in Freiheit existiert.

Etwas passiert gerade mit uns

Eine andere Welt für unsere Beziehungen ist möglich und wird kommen. Davon bin ich überzeugt. Sie ist einfach realisierbar und notwendig geworden und nicht wenige Menschen spüren, daß der klassiche Weg zum Einfamilienhaus eine spirituelle Sackgasse darstellt. Ein Beziehungsleben ohne emotionale Abhängigkeit, in Respekt und Liebe zusammen mit unserem „Stamm“, wie können wir uns das vorstellen, wie kann das funktionieren? Es geht darum zu lernen, die Welt anzunehmen wie sie ist und nicht wie wir sie gerne hätten. Wer sich in Liebe zur Welt fallen lässt, der wird erstaunt sein, welcher Wandel in seiner Sexualität geschehen wird und mit welchen Menschen er oder sie mit einem Mal sexuelle oder platonische Anziehung erfährt. Wir waren niemals frei! Woher sollen wir wissen, wie sich das anfühlt?

Ein Mann der in (Selbst-)Liebe lebt, wird seine Freiheit nicht mehr aufgeben. Für kein noch so hübsch verpacktes sexuelles Versprechen. Aber er wird bereit sein, sich für jene zu opfern, die seine Freiheit respektiert und ihn dennoch geliebt haben. Keine Frau, welche die Freiheit echter innerer Sicherheit erlangt hat, wird sich für irgendwas schämen müssen. Ganz zu schweigen davon, dass Menschen die in Selbstliebe leben und niemanden brauchen, den sie emotional epressen können, den höchsten erotischen Ausdruck und Lebenslust hervorbringen. Die Welt die ich sehe, kennt keine Fesseln mehr, genauso wenig wie Gier und Zerstörung. Sex ist kein Weg zum Stopfen unserer seelischen Löcher mehr. Für unsere Seele ist Sex ein Werkzeug zur Vertiefung unserer seelischen Verbindungen. Frauen erfahren ihre Freiheit in der Liebe und Männer die Liebe in ihrer Freiheit. Oder umgekehrt, wenn’s so besser gefällt.

„Jedes Herz ist eine Bude auf dem Jahrmarkt der Eitelkeit“
William Makepeace Thackeray

Wenn Du diesen Artikel magst, dann teile ihn doch mit Deinen Freunden und schaue in meiner Facebook-Gruppe vorbei. Ich freue mich jedenfalls über Deine Hilfe, meinen Blog bekannt zu machen. Vielen lieben Dank, Marc.