13 Selbstliebe

Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch. Wer aber das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird nicht hineinkommen!

Scham und Verantwortung

Was würdest Du am meisten bereuen, in diesem Leben nicht erfahren und gelebt zu haben? Welche Fragen werden sich Dir kurz vor Deinem Tod stellen? Was bedeutet es, niemals wirklich geliebt zu haben? Bedeutet zu leben vielleicht, meiner Verantwortung gerecht geworden zu sein? Man sagt, dass ein Bewusstsein für Verantwortung den Erwachsenen vom Kind unterscheidet. Was aber steht in meiner Verantwortung? Kann ich es zulassen, dass mir das, was ich mir am meisten wünsche, sich tatsächlich erfüllt? Viele Menschen leben in einem Konflikt zwischen ihren Wünschen und der sogenannten Realität ihrer Pflichten. Wir werden von unserem Glauben beherrscht, darüber was uns zusteht und was nicht. Wir empfinden Scham für unsere tiefsten Wünsche. Eigentlich glauben wir, dass wir nicht gut genug sind zu erhalten, wovon unsere Seele träumt. Warum ist das so? Kann es sein, dass wir von unserer Umwelt gelernt haben, dass wir es nicht wert sind? Weil unsere Bezugspersonen uns irgendwie beigebracht haben, dass wir verzichten müssen, um geliebt zu werden? Weil unsere Erfahrungen uns kontinuierlich spiegeln, dass wir es nicht verdient haben, glücklich zu sein?

Was wenn wir diese Erfahrungen machen, weil wir nicht mehr daran glauben, dass es das Leben gut mit uns meint. Weil wir uns selbst schon zulange verloren haben. Weil wir von Ängsten gesteuert werden, die nicht die unseren sind und wir glauben, sie bedienen zu müssen, um geliebt zu werden? Scham ist eine Emotion zur sozialen Selbstkontrolle. Wir empfinden Scham, sobald wir uns im Widerspruch zwischen unserem erlernten Selbstbild und unserer seelischen Wahrheit befinden. Scham ist der Glaube an die eigene Wertlosigkeit und das Unvermögen aus eigener Kraft zu uns selbst zu stehen. Wir orientieren uns dann an den „vermeintlichen“ Erwartungen unserer Umwelt. Erwartungen die wiederum selbst aus Angst und Scham geboren wurden. Wir entwickeln den Wunsch perfekt zu sein, um uns nicht mehr angreifbar zu machen. Wir beginnen uns an das bisschen Glück zu klammern, das wir uns erkämpft haben, weil wir nicht mehr an Wunder glauben. Stattdessen glauben wir, dass nur diejenigen Dinge real sind, die wir im Konflikt erstritten haben und doch bleibt ein stummer Zweifel. Dieser Zweifel ist die Stimme unserer Seele, welche uns fortbringen möchte an einen anderen Ort, zu anderen Menschen und einer anderen Aufgabe.

Wir haben Angst davor loszulassen. Zu tief sind wir verwickelt in unserer Überzeugung, der Welt nur dadurch dienen und damit von ihr geliebt werden zu können, dass wir uns selbst aufgeben. Im Grunde laufen hier keine Erwachsenen herum sondern Kinder, die sich daran gewöhnt haben zu leiden. Es gibt einen Unterschied zwischen Schuldgefühlen und toxischer Scham aus Erziehung und Trauma. Einen den wir nicht mehr bemerken. Wir können nicht mehr unterscheiden zwischen echtem Fehlverhalten und Selbstverrat. Stattdessen zeigen wir mit dem Finger auf alle, die sich die Freiheit nehmen, zu sein was sie sind. Wir empfinden Scham, weil wir uns schuldig fühlen für unser Trauma, dass die Welt (andere Menschen) uns nicht so annehmen konnten, wie wir es verdient hätten. Wir haben von ihnen gelernt, unser wahres Geschenk an die Welt zu verraten. Jedes Trauma erzeugt eine Spaltung unserer Psyche. Wir beginnen uns selbst abzulehnen für unsere Wünsche und gleichzeitig wollen wir gegen den Status quo rebellieren. Ein unlösbarer Zwiespalt beginnt unser Leben zu beherrschen und zu verhindern, dass wir uns selbst sehen können.

Befreiung aus der Unmündigkeit

Nur durch die Übernahme der Verantwortung für alle unsere Emotionen und Gedanken, kann sich der klare Blick auf uns selbst einstellen. Erst wenn wir beginnen unsere Negativität zu beobachten, aus ihr zu lernen und ihre Ursache zu verstehen, können wir uns befreien. Es ist keine Frage von Schuld, aber ich selbst bin der einzige Mensch, der mich befreien kann. Scham ist der Grund, weshalb wir niemals über unsere Dämonen hinauswachsen, ja sie jedes Mal mit uns zu wachsen scheinen. Denn wenn wir nicht glauben, dass wir das Recht dazu haben stark zu sein, wie stark müssen wir dann werden, um stärker zu sein als unsere Scham? Erst wenn ich bereit bin, meinen Schmerz wirklich zu fühlen, erst wenn ich nicht mehr bereit bin zu leiden, dann ändert sich einfach alles. Aber dafür muss ich in Konfrontation mit allem treten, was mir bisher scheinbare Sicherheit gegeben hat. Ich muss wirklich etwas wagen und Glauben beweisen. Unsere Unmündigkeit ist vielleicht nicht selbstverschuldet, ihr Bestehen aber schon. Irgendwann in unserer Vergangenheit haben wir uns dazu entschlossen, nicht mehr zu fühlen. Jetzt ist es an der Zeit, genau das zu tun.

Ein Trauma benötigt kontinuierliche Feinjustierung des inneren Erlebens, um die Begegnung mit der Wahrheit zu verhindern und die Illusion von Kontrolle zu bewahren. Das Ziel muss es daher sein, die Balance unseres Zwiespalts aus der Ruhe zu bringen. Es gibt zwei Wege, wie wir uns selbst wieder näher kommen können. Einmal die direkte Konfrontation, welche uns den Mut abfordert, unserer Angst zu begegnen. Auf der anderen Seite die Demut, unser Schicksal zu akzeptieren und eben zu fühlen, was wirklich gefühlt werden will. Denn vor beidem rennen wir davon. Wenn wir jedoch nur aus dem Mut unserer Verzweiflung heraus handeln, um etwas außerhalb von uns selbst zu verändern, dann werden wir scheitern. Wir scheitern, weil wir innerlich nicht an uns glauben. Wir müssen uns zunächst in Demut dem zuwenden, was in uns gesehen werden will. Wir dürfen nicht mehr davonrennen und müssen uns in die dunkle Nacht unseres Seelengrundes begeben. Wir müssen lernen zu lieben, was wir dort vorfinden. Erst wenn wir gelernt haben, uns selbst in unserer größten Verzweiflung und unserem Elend zu lieben, finden wir die Stärke Nein zu unserem Leid zu sagen und die Weisheit unsere Demut in Mut zu verwandeln.

Dinge die uns helfen können, unserer Angst zu begegnen sind bspw. Meditation, Natur, Sport, Selbstfindung, Ruhe und Einsamkeit, auch Kreativität. Wobei wir genau aufpassen müssen, dass wir diese Dinge nicht nutzen, uns erneut im Streben nach Perfektion zu verlieren. Perfektionismus ist Selbsthass, getarnt als Disziplin und nur ein weiterer stummer Schrei nach Anerkennung. Ein hochwirksames Mittel, dass aber genau diese Gefahr aufweist, sind Verzicht und Tugend. Zeitweise auf etwas zu verzichten, mit dem wir uns für gewöhnlich von uns selbst ablenken, kann uns helfen dem Grund unserer Flucht näher zu kommen. Scham ist der Glaube, sich kontrollieren zu müssen. Wir vermeiden die Leere, aus der alles entsteht und erzeugen künstliche Bewegung, um uns selbst und unsere Umwelt zu beherrschen. Doch ist das eine Illusion und genau der Ursprung des Leidens, der uns von der Erfahrung allen Glücks abhält! Von nun an lasse Dich fallen und genieße genau diese Augenblicke des Nichtseins und der Scham. Jedes Mal wenn Du Scham und Angst empfindest, hast du eine unglaubliche Chance. Es ist die Chance den Automatismus durch Bewusstheit zu überwinden, das verletzte Kind zu umarmen und Deine wahre Energie zu begrüßen und zu integrieren, ganz zu werden und zu heilen.

Leichtigkeit und Unschuld

An der Scham zu arbeiten, bzw. unsere Grenzen zu testen, kann das Unterbewusstsein davon überzeugen, dass eine Ausbreitung der Scham auf einem Gebiet unnötig war. Es wird jedoch niemals den Schmerz selbst berühren, weshalb dieser weiterhin aktiv bleibt und lediglich „eingekreist“ wird. Daher die Erfahrung, dass wir zwar stärker und erfahrener werden, aber niemals über unsere alte Wunde hinwegzukommen scheinen. Weil wir das tatsächlich nicht tun. Es nämlich nicht möglich, durch Erfolg im Außen zu heilen. Die Öffnung unserer Persönlichkeit und die Ausweitung unserer Erfahrungswelt zwingt den Schmerz jedoch immer weiter an die Oberfläche, wo wir ihm schlussendlich nicht mehr ausweichen können. Diesen Schmerz anzunehmen, auszuhalten und zu lieben ist die vollkommene Annahme des Selbst und führt zur Angstlosigkeit. Wenn das Selbst, also die Seele offen und ohne Scham leben kann, da der Schmerz ausgehalten und verarbeitet wurde, dann hat Angst keinen Platz mehr. Der Zustand des Urvertrauens ist wieder hergestellt. Träume lassen sich verwirklichen, sobald ich die unausgesprochene Angst ausspreche.

Sich selbst zuzugestehen so zu sein, wie man sich wirklich fühlt, erlaubt angstfreies handeln. Das Eingeständnis der Angst anstelle von Flucht in Wut oder Traurigkeit, ermöglicht erst authentisches Sein. Das Ende der Scham entsteht durch die erworbene Authentizität. Sie ist Integrität der Gefühlswelt in bedingungsloser Selbstliebe, durch die ich erst Zugang zu meinem wahren Wollen erhalte. Erst jetzt wo ich wieder in Verbindung zu mir selbst stehe, kann ich mir erlauben zu erhalten, was ich mir im Herzen wünsche. Die Erkenntnis unserer Scham ermöglicht den Zugang zu unserer Bestimmung und erlaubt JA zu sagen. Ja ich will, dass meine tiefste Sehnsucht in Erfüllung geht. Der Erfolg am Ende des Lebens wird sein, gelebt zu haben, was durch mich leben wollte. Wir Menschen verzichten zu oft zu Gunsten anderer oder aus Überlebensangst auf die Wünsche unseres Herzens, weil wir uns vor der Konsequenz fürchten, in voller Verletzbarkeit unseren größten Wunsch zu leben. Jene Wünsche von denen wir glauben, sie nicht verdient zu haben. Zu wissen, dass man sie verdient hat, zu glauben wie ein unschuldiges Kind ist die Macht, welche sie in Erfüllung gehen lässt.

Es gibt keinen Unterschied zwischen der Liebe zu uns selbst und der Liebe zur Welt. Wir glauben für andere leben zu müssen und genau deshalb tun wir es nicht wirklich. Wir versuchen die Erwartungen anderer Menschen an uns zu erfüllen und verraten uns dabei selbst. Wir verraten dabei auch unser größtes Geschenk an die Welt. Wer zu wirklicher Selbstliebe gelangt, der wird vieles hinter sich lassen, Orte, Menschen, Aufgaben die nicht mehr seiner tiefsten Wahrheit entsprechen und an die er nur durch die Angst gefesselt wurde. Die Angst nicht geliebt zu werden, unsere Chance auf ein erfülltes Leben verpasst zu haben. Den Schlüssel zu einem Leben in tiefer Dankbarkeit finden wir jedoch erst, wenn wir den Mut besitzen uns zuzugestehen, was wir wirklich fühlen. Das Universum weiß nicht, was wir wollen, es reagiert nur auf das, was wir als Erfahrung zulassen können. In dem Moment wo wir aufgeben unsere Erfahrungen im Leben erzwingen zu wollen, aufhören für andere zu leben statt für uns selbst, erhält unsere Seele Raum und das Universum wird Himmel und Erde in Bewegung setzen, unser tiefstes Glück wahr werden zu lassen. Denn unser Wunsch ist sein Wunsch. Dann schämen wir uns nicht mehr dem Leben in kindlicher Unschuld zu begegnen und die Welt begegnet uns mit der gleichen Liebe, die wir für uns selbst gefunden haben.

Wenn Du diesen Artikel magst, dann teile ihn doch mit Deinen Freunden und schaue in meiner Facebook-Gruppe vorbei. Ich freue mich jedenfalls über Deine Hilfe, meinen Blog bekannt zu machen. Vielen lieben Dank, Marc.