15 Unabhängigkeit

Die Illusion der Unabhängigkeit

Das große Mantra unserer modernen technokratischen Gesellschaft ist das Märchen von der individuellen Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit der Menschen untereinander, als Mann und Frau, Nachbarn, Kinder und Eltern, Arbeitnehmer und Unternehmer, Alte und Junge, sozial schwache und besser gestellte. Aber auch ganz unausgesprochen unsere Unabhängigkeit gegenüber unserer natürlichen Umwelt. Die meisten technischen Hilfsmittel dienen nicht nur der Erleichterung von Arbeitsprozessen, sondern auch der Kontrolle unserer Überlebensbedingungen. Die Technisierung unseres Alltags ist bereits soweit fortgeschritten, dass der größte Teil der Menschen sich ihrer Abhängigkeit von einander oder der Natur nicht mehr bewusst ist. Die Folge sind Entfremdung, Gleichgültigkeit und ein Kampf jeder gegen jeden und alle zusammen gegen die Natur, während das Ganze auch noch als Fortschritt angepriesen wird. Ich bin kein Gegner von Technik, mich stimmt aber der Verlust unserer Verbundenheit mit der Natur und untereinander traurig. Die Anzahl der Illusionen von Unabhängigkeit, welchen sich die Menschen hingeben, wird täglich größer.

Ohne die innere Verbundenheit mit anderen Menschen und der Natur, erleben wir diese als bedrohlich und machen uns dadurch freiwillig immer abhängiger von einem technokratischen Gesellschaftssystem, in dessen Kern nicht die Sorge um das Wohl aller steht, sondern die Sucht nach Kontrolle. Das Ende unserer wirtschaftlichen Abhängigkeit von Familie und Ackerboden hat uns nicht seelisch befreit, sondern führt uns geradewegs von einer Knechtschaft in eine andere. Im Kampf jeder gegen jeden in einer gesichts- und kulturlosen Gesellschaft ist kein Platz mehr für Freiheit und Liebe, nicht zu den Menschen und schon gar nicht zur Natur. Wir flüchten nach wie vor aus unserer physischen Abhängigkeit und vor Ängsten, die über tausende Jahre gewachsen sind. Die Hungersnöte, Kriege, Krankheiten, Sklaverei, der Missbrauch und die Unterdrückung unserer Geschichte sind nach wie vor in unseren Köpfen präsent und wir haben Angst, ihnen erneut zum Opfer zu fallen. Anders ist der Irrsinn einer Gesellschaft, die alle großen Probleme eigentlich gelöst hat, nicht zu erklären. In Wahrheit sehnen wir uns nach einer Gemeinschaft, unseren Stamm liebender Menschen, nach einer Aufgabe in Kontakt mit anderen und der Fülle der Natur um uns herum.

Das Selbstvertrauen wird uns genommen,
damit wir lernen der Selbstlosigkeit zu vertrauen.

Die Lösung für unser Dilemma ist das Erwachen für die nach wie vor bestehende Abhängigkeit, aus der es in dieser Welt auch kein Entkommen gibt. Erst die Aufgabe der Illusion von Kontrolle über mein Leben und das anderer Menschen, sowie die freiwillige Wahl zur Hingabe an den Lauf der Natur und die Unsicherheit zwischenmenschlicher Verhältnisse macht uns wirklich frei. Wahre Unabhängigkeit entsteht im Inneren meiner Psyche und besteht aus dem Glauben und Vertrauen, die aus Mut und Demut wachsen. Der Kern meiner Seele ist bereits frei und auch das einzige, was je frei sein könnte. Um diese Freiheit in einer Welt zu erfahren, in der ich mich in ständiger emotionaler und wirtschaftlicher Abhängigkeit befinde, muss ich den Umstand akzeptieren, dass Freiheit eine Perspektive ist und kein Gegenstand. Wenn ich Freiheit als Gegenstand betrachte, dann befinde ich mich im Kampf mit der Welt, der ich meine Freiheit abtrotzen muss. Wenn Freiheit meine selbstgewählte Perspektive auf die Welt ist und ich lerne sie zu lieben, wie sie ist und nicht, wie ich sie gerne hätte, dann wird meine Seele frei, sich zu offenbaren und mit der Welt in spirituellen Kontakt zu gehen.

Mut und Demut

Der Verlust unseres spirituellen Kontakts mit der Welt und damit letztlich uns selbst, ist die Folge aller erlittenen Traumata über hunderte von Generationen. Spiritualität ist letztlich die Arbeit an unserer Fähigkeit, die Verbindung zur seelischen Realität aller Erscheinungen in uns und außerhalb von uns, zulassen zu können. Es besteht kein Unterschied zwischen unserer Fähigkeit zuzulassen, was in uns ist und anzunehmen, was uns im Außen begegnet. Dafür müssen wir uns jedoch unserer Ängsten stellen. Ängste, deren Existenz wir meist nicht nur verleugnen, sondern die so tief gehen können, dass sie uns über viele Generationen hinweg vererbt wurden, ohne dass sie nur einmal an den Grenzen eines menschlichen Bewusstseins gekratzt hätten. Die Folge der Unterdrückung von Emotionen sind Ziellosigkeit und ein Gefühl von Leere, Suchtverhalten, Kontaktschwierigkeiten und ganz besonders Gefühlskälte, Abschottung, Verkopftheit, Herzlosigkeit, Selbsthass, Arroganz, Ignoranz und die Angst aufzufallen wenn man zu sich selbst steht. Die stärksten Ängste, zu denen wir fähig sind und die unser tägliches Verhalten und Empfinden steuern, stammen aus unserem Bedürfnis nach Zugehörigkeit.

Wir wollen von anderen Menschen geliebt werden und besitzen daher Angst von ihnen abgelehnt zu werden. Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hätte der Ausschluss aus der Gemeinschaft immerhin unseren Tod zur Folge gehabt. Aber wie können wir geliebt werden, wenn wir uns verstecken? Wenn wir uns selbst ablehnen, aus Angst keine Akzeptanz zu erfahren? Die Arbeit am eigenen Herzen und seiner Fähigkeit zu lieben, ermöglicht uns, unabhängig von anderen unser Schicksal zu beeinflussen. Ein Mensch ist normalerweise zu seinem Schicksal „verdammt“ auf Grund seiner positiven wie negativen Erfahrungen und daraus entstehenden Einstellungen und Vorstellungen. Diese lassen sich nur durch gegenteilige Erfahrungen ändern, die ich aber nicht mache, auf Grund meiner vorbelasteten Einstellung zur Welt. Entwickle ich jedoch mein Herz, so helfe ich meiner Seele alles Negative aus mir selbst heraus zu überwinden und ich verliere meine Angst. Erst wenn ich den Mut besitze, zu mir selbst zu stehen, ermögliche ich meiner Seele, mir die heilenden Erfahrungen zu schenken, die ich für meine weitere Entwicklung benötige. Erst wenn ich die Demut besitze, mich nicht mehr zu vergleichen und meine Verletzlichkeit zu akzeptieren, kann ich auch der Welt in Offenheit und Vertrauen begegnen.

Selbstausdruck in Demut bedeutet, sich der eigenen Rolle bewusst zu werden und diese als untergeordnetes Teil von etwas Größerem zu erkennen. So wie eine Zelle ihre Existenz als Teil des Körpers erkennt oder sich andernfalls zu Krebs entwickelt. Nimmt sie aber ihr Schicksal an, so erfährt sie sich im Gleichklang mit ihrem Universum. In Demut fragen wir nicht nach Selbstverwirklichung, sondern unserer persönlichen Möglichkeit etwas zu geben. Was können wir beitragen? Selbstausdruck mit Mut bedeutet sich selbst und andere nicht mehr zu bewerten und aufzuhören, das Leben kontrollieren zu wollen, indem wir es beständig zu analysieren und zu verbessern suchen. Ein Leben für das eigene Ego ist genauso verschwendet, wie eines, das wir für das Ego anderer führen. Wir müssen beginnen der Angst entgegen zu gehen, Dinge zu tun, welche Öffnung verlangen, wo wir uns bislang versteckt halten. Die Welt ist uns nichts schuldig, aber wir schulden etwas der Welt und zwar uns selbst. Loszulassen fühlt sich an wie Sterben, aber das Leben reagiert, sobald wir den Mut haben, zu uns selbst zu stehen. Vermutlich ist es das Schwierigste auf der Welt, aber wir alle haben das gemeinsam und wir werden staunen über die Belohnungen und die Freiheit, welche wir uns so gemeinsam erarbeiten.

Unabhängigkeit

Mut und Demut sind die entscheidenden Tugenden in den alten Märchen und Sagen aller Kulturen der Welt und das unabhängig vom Geschlecht des Helden oder der Heldin. Aber ganz klar unterscheiden sich die Abenteuer in ihren unterschiedlichen Anforderungen und ihrem Gewicht an Mut oder Demut, die unter Beweis gestellt werden müssen. Darin verborgen steht jahrtausendealte Weisheit. Die moderne Gesellschaft, welche glaubt sich darüber hinwegsetzen zu können und die Natur ignorieren zu dürfen, erschafft im Ergebnis ewig unzufriedene Frauen und feige Männer. Wir alle besitzen eine besondere Rolle im Leben, sowie die Freiheit uns darüber hinwegzusetzen. Aber Glück entsteht nicht im Erkämpfen unserer Illusion von Unabhängigkeit, sondern in der Hingabe an die tiefere Wahrheit dessen, was unsere Seele verwirklichen möchte. Das mag für jeden Menschen etwas unterschiedliches sein und niemand besitzt das Recht, das für jemand anderen zu entscheiden. Aber wir kommen nicht darum herum, ehrlich zu uns selbst zu sein. Wer seine Ängste kennenlernt, lernt sich selbst kennen. Wer weiß, was ihn oder sie bewegt, der findet auch den Mut und die Demut, sich seiner persönlichen Aufgabe zu stellen.

Das Leben will uns die Demut lehren zu träumen, was für uns bestimmt ist und den Mut dem nachzugehen, was wir als Wahrheit erfahren. Sich dagegen wehren zu wollen ist sinnlose Energieverschwendung und erzeugt unendliches Leid innerhalb und außerhalb von uns. Die Natur interessiert sich bspw. nicht für unsere Vorstellung von der Gleichberechtigung der Geschlechter und so können wir uns entweder dagegen auflehnen, oder aber in gegenseitigem Respekt und der nötigen Vorsicht vor dem persönlichen Willen eines Menschen die Dinge betrachten, wie sie nun mal stehen. Was gibt es denn demütigeres als seinen Körper für die Geburt eines Kindes herzugeben? Seine persönliche Freiheit für die Liebe zu opfern? Was gibt es mutigeres, als seine gesellschaftliche Stellung zu riskieren, um seiner Liebe für die Freiheit gerecht zu werden? Die moderne Gesellschaft erzählt den Männern gerne, dass sie die Vision ihrer Seele ihrer Partnerschaft unterzuordnen haben und den Frauen, dass sie ihren Männern kein Vertrauen schenken dürfen. Auf diese Weise und tausend andere kontrolliert sie unsere Kraft. Das Ergebnis sind scheinbar unabhängige Menschen, die doch am Ende nur ihren Narzissmus ausleben und deren Wirken in der Welt kaum Bedeutung oder Kraft besitzt.

Demut ohne Mut zur Unterordnung ist Heuchelei. Mut ohne Demut gegenüber der Welt wird zum Größenwahn. Was aber gibt es attraktiveres für einen Mann als die absolute Hingabe und das volle Vertrauen einer Frau an ihn im Glauben an seine Treue und Fürsorge? Eine Frau die mir als Mann mit dieser Hingabe begegnet wird immer meine volle Aufmerksamkeit und meinen Respekt besitzen. Und was gibt es attraktiveres für eine Frau als einen Mann der eine Vision besitzt, seine Wahrheit spricht und von kraftvoller Lebendigkeit erfüllt ist? Ein Mann der sie mit Stolz erfüllt und ihr mit seiner Angstlosigkeit Sicherheit gibt, so dass sie sich fallen lassen kann und ihren Kampf mit der Welt aufgeben darf. Verbunden in scheinbarer Abhängigkeit entsteht so erst die innere Freiheit, mit der sie zusammen Wunder bewirken können. Seelische Freiheit bedeutet die Angst zu verlieren seinen Platz einzunehmen. Demut und Mut sind zwei Perspektiven, eine passiv unterstützende und eine aktiv kämpfende Rolle, welche sich aber gegenseitig benötigen, um ihre wahre Kraft zu entfalten. Die Zukunft wird wieder Menschen gehören, welche das verstanden haben und bereit sind, ihre persönliche Illusion von Unabhängigkeit für ihren Glauben an Liebe, Freiheit und seelische Schönheit aufzugeben.

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