19 Entwicklung

Wiederholung des Denkens

Unsere Art des Denkens ist nicht frei, sie besteht aus erlernter Methodik und Kopie. Werden wir uns darüber bewusst, gewinnen wir erneut ein Stück Freiheit hinzu.

Alle Entwicklung in und außerhalb von uns ist die Konsequenz eines zirkulären Wachstumsprozesses. Für gewöhnlich stellen wir uns Entwicklung als einen linearen Prozess vor, der uns oder die Gesellschaft als Ganzes von einem niederen Punkt zu einem höheren führt. Damit verschließen wir die Augen vor der Notwendigkeit des Rückzugs an jenen Kraftort in uns, der unveränderlich wirkt und das wahre Ziel unserer Reise vor Augen hat. Unsere Welt besteht dann aus äußeren Hindernissen und Erfolgen und inneres Wachstum wird zum Mittel statt zum Ziel. Generell führt uns jede Entwicklung zu mehr Freiheit unweigerlich zurück zum Ausgangspunkt unserer Suche, zu unserer Grundmotivation und den ursprünglichen, quälenden Fragen in uns, die wir zu beantworten suchen.

Wir setzen uns oft Ziele im Außen, die mehr Ablenkung als Entwicklung bedeuten, da wir den Sinn innerer Entwicklung gar nicht mehr verstehen. Die Ursache dafür liegt in der Art und Weise unseres Denkens, das sich über die Jahrtausende mit uns verändert hat. Also nicht nur was wir denken, sondern auch wie wir denken. Wie wir denken entscheidet, auf welchen Wegen wir uns näher kommen oder uns von uns selbst entfernen. Die Geschichte wird von Siegern geschrieben, heißt es. Wir gehören eindeutig alle zu den Verlierern, solange wir unser Schicksal an unsere Geschichte binden. Egal welchem Volk, welcher Bildungsschicht oder Kultur wir angehören, so werden wir alle verlieren, wenn wir nicht bereit sind, all das hinter uns zu lassen, um einfach nur zu sein.

Zur Interpretation aktueller, vergangener, wie zukünftiger Ereignisse und Zustände bedienen wir uns meist unbewusster Modelle des Denkens. Davon abgesehen, dass das meiste Denken des Menschen nur dazu dient, eine scheinbar rationale Begründung für seine emotionale Entscheidung zu finden. Menschen stimmen ihr Denken auf das von ihnen gewünschte Ergebnis ab, wenn dieses ihr emotionales Gleichgewicht zu erschüttern droht. Der Mensch selbst, verschließt sich vor seiner eigenen Entwicklung, weil er Angst vor ihr hat. Zunächst weil es unseren vorherigen Weg als Irrtum zu entlarven droht und weiter, da wir noch keinen neuen Weg sehen können und die Ungewissheit uns ängstigt. Das können wir auch solange nicht, wie wir nicht bereit sind, den alten Weg loszulassen und im freien Raum zu schweben, um abzuwarten, was sich von ganz alleine entwickeln will. Da die Evolution des Menschen ihn zur Freiheit ruft, fordert die Höherentwicklung seines Denkens auch immer mehr Mut zum Fließen in Freiheit ein.

Modelle des Denkens

Nur die Freiheit ist der Ort, an dem wir vom Haben zum Sein gelangen und das passive Element des Schicksals mit dem aktiven der Selbstbestimmung verbinden können. Zur Anschaulichkeit möchte ich vier verschiedene Modelle des Denkens über Entwicklung vorstellen. Das erste Modell menschlichen Denkens könnte man das fatalistisch-zyklische nennen. Es beschreibt die Vorstellung, dass sich die Welt in ihrer Grundnatur niemals verändern wird und sich, über die Unendlichkeit hinweg, das immer selbe Theaterstück abspielt. Es ist das Weltbild der antiken Völker, deren unbedeutende sterbliche Seelen im Spiel der unsterblichen Götter und Geister das Auf und Ab eines launischen Rhythmus des Lebens erleiden mussten, das sich auf immer und ewig wiederholen würde.

Für den antiken Menschen würde sich niemals etwas ändern und nur die Wahl, seine ihm verliehene Rolle auszufüllen, gab ihm seine Würde und seinen Platz in der Schöpfung zurück. Das tragische an dieser Vorstellung ist, dass der Mensch so nicht auf eine Veränderung im Außen hoffen konnte. Es blieb nur die Aufforderung, den vorbestimmten Platz einzunehmen, dem Zweck unseres Wesens zu dienen, welches die Griechen Arete nannten.

Das zweite Modell entwickelte sich mit den monotheistischen Religionen. Man könnte es das apokalyptisch-exponentielle Denken nennen und es lässt sich bis heute in allen Teilen der Gesellschaft wiederfinden. Es beschreibt die Überzeugung, dass alles einem Endpunkt der unbedingten Zerstörung und totalen Vernichtung entgegen geht. Ähnlich zu jenem Denken, das an einen exponentiellen, also ewig steigerbaren Prozess glaubt.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. – Mark Twain

Das ist im Grunde das selbe, nur dass es die offensichtliche Unmöglichkeit eines solchen Prozesses in der Natur leugnet und seinen zwangsläufigen Zusammenbruch verdrängt. Der Glaube an ein ewiges Wachstum der Volkswirtschaften, des Konsums und Wohlstandes gehört ebenso in diese Kategorie, wie die Überzeugung, dass die Menschen auf Grund ihrer unverbesserlichen Natur von Gott einst bestraft und ausgelöscht werden. Das exponentielle Denken erkennt die Verwirklichung eines höheren Prinzips im Individuum nicht an. Das Glück der Welt liegt im Außen. Mal in der Vermehrung materiellen Reichtums und dem Nachlaufen hinter der Unersättlichkeit emotionaler Bedürfnisse und ein anderes Mal im asketischen Verzicht oder gar außerhalb dieser Welt in einem Jenseits, dass uns mit Versprechungen von Konsum belohnt.

Zumindest holte dieses Denken den Menschen aus seiner Passivität gegenüber der Welt und den Göttern heraus und zwang ihn Partei zu ergreifen, um sich seinen Anteil am Paradies zu erkämpfen. Der Denkprozess des dritten Modells ist vermutlich der emotional faulste und zugleich der, welcher heute am beliebtesten geworden ist. Ich nenne ihn das relativistisch-lineare Modell des verängstigten Denkers. Es beschreibt den kognitiven Prozess des Bürokraten, wie den des aufgeklärten Bürgers, bis hin zum Politiker oder Proleten, wie sie uns jeden Tag begegnen. Es hat sich seit Beginn der Aufklärung und der Selbstbefreiung des Menschen von seinen Göttern und ihren Gesetzen tief im Bewusstsein der Menschheit verankert. Es ist die Leugnung jeglicher Bedeutung innerer Entwicklung für die persönliche Evolution und damit letztlich für das Ganze.

Ohne die Fremdbestimmung außerirdischer Mächte, bestimmt der Mensch die Zielrichtung seines Handelns und seiner Entwicklung selbst. Der technische Fortschritt kennt nur eine Richtung und irgendwann werden wir mit seiner Hilfe die Übel der Welt zu beseitigen wissen, so hoffen wir. Das Universum aber ist unser Feind und wir müssen es zu beherrschen lernen, damit wir endlich unseren wohl verdienten Frieden im Inneren finden können. Das Glück liegt nun endgültig in der Zukunft, auf die wir unermüdlich hinarbeiten.

Wir sehen die Welt, so wie wir den linearen Prozess der aufeinander aufbauenden Teile unserer Geschichte sehen. Was wir in unserem Kontrollwahn dagegen nicht mehr erkennen, sind die Sinnsuche und die Erkenntnisse unserer Vorfahren, sowie das Überraschungsmoment der Geschichte und die Vergänglichkeit allen Seins. Wir glauben heute stattdessen an die moralische Überlegenheit unserer intelligenten Entscheidungen und weigern uns, das eigene Versagen zu sehen. Wir wollen nicht wahrhaben, dass auf dem Weg zu unserem Ziel eine ungeplante Veränderung eintreten könnte. Denn unsere vergänglichen, narzisstischen Ziele sind alles, was wir noch haben.

Evolution

Das vierte Modell richtet sich nach dem fraktalen Entwicklungsmuster der natürlichen Evolution. Die Natur ist voll von Zyklen und sich selbst wiederholenden Strukturen, die aber mit jeder neuen Wiederholung immer ein Stück von einander abweichen. Die Natur wiederholt sich, aber nie zu hundert Prozent, sondern verschiebt sich innerhalb eines höheren Prozesses immer ein Stück weiter. Sie schließt einen Kreis mit dem Tod und beginnt den nächsten mit einer nie dagewesenen Veränderung, nur um sich nach deren Tod in das unerwartet Nächste zu verwandeln. Ähnlich, aber nie dasselbe. Daher bilden die Anpassungsfähigkeit und Offenheit eines biologischen Systems die günstigste Voraussetzung zur natürlichen Evolution.

Unser Bild von der Welt ist nicht zu trennen von unserem Selbstbild, denn beides entsteht in der Auseinandersetzung mit unseren Möglichkeiten. So wird alles, was wir über uns oder die Welt zu wissen glauben, mehr oder weniger Teil unserer Identifikation. Dabei müssen uns die anderen nicht Recht geben, denn solange sie uns nicht verunsichern können, helfen sie uns, unsere Meinung zu festigen. Wir sammeln aber Bestätigungen für unsere Meinungen, weil wir bereits zutiefst verunsichert sind. Wir brauchen Meinungen und Identifikationen, weil uns die Unsicherheit der Welt ängstigt. Nun versperren sie uns den Blick auf den endlosen Horizont der Welt.

Wir müssen es uns zuerst in der Unbehaglichkeit und Unwissenheit des Denkens gemütlich gemacht und alles Bisherige vergessen haben, bevor wir weitergehen können. Denn in der Evolution gibt es nicht nur Schritte, sondern auch wichtige Sprünge. Für einen Schritt kann ich dem Boden vor mir Vertrauen schenken. Ein Sprung aber, kennt keinen Boden mehr. Der Rhythmus und die Konsequenz spiritueller Arbeit, der Arbeit an uns selbst als Gesellschaft wie als Einzelne, wird geführt von Kontraktion und Expansion, Rückzug und Ausbreitung. Vom Kern unseres Wesens ausgehend, drehen wir uns scheinbar im Kreis und bearbeiten die immer gleichen Themen, die in uns angelegt wurden. Die Lust und der Schmerz unserer Kindheit und Jugend führen uns gleichermaßen die Themen unseres individuellen Lebens vor Augen.

Unsere Begeisterung für die Welt und unser Gefühl der Bedrohung durch ein unkontrollierbares Universum, besitzen eine wichtige Botschaft für uns. Auf dem Weg unsere Ängste zu besiegen und unserer Lust immer größeren Raum zu geben, lernen wir. Wir lernen über die Gesetze des Lebens, unsere persönlichen Stärken und Grenzen und wir weiten sie Stück für Stück immer weiter aus. Wir machen die Erfahrung, immer wieder in die quälende Tiefe unserer wiederkehrenden Fragen geworfen zu werden, damit wir in der Phase unseres Rückzugs in uns selbst Erkenntnisse gewinnen. Erkenntnisse darüber, was uns hindert, unsere Freiheit und tiefste Wahrheit leben zu können. Nachdem wir eine solche Erkenntnis erfahren haben, breiten uns wieder aus und gewinnen ein Stück Freiheit hinzu, das zuvor noch unsichtbar war. Das ist die psychische und spirituelle Evolution der Menschheit.

Wir leiden an unseren Wünschen und Ängsten gleichermaßen, aber feiern uns auch dafür, wenn wir es geschafft haben, einen Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen oder eine Angst besiegt zu haben. Als Individuum, wie als Kollektiv, sind wir auf der Suche nach Freiheit. Aber nicht irgendeiner beliebigen narzisstischen Freiheit, sondern nach der Freiheit die entsteht, wenn wir erkannt haben, wer wir wirklich sind. Es ist möglich, ja sogar sehr wahrscheinlich, wenn wir es wirklich wollen, den Kreislauf des Leidens zu verlassen. Sobald wir verstanden haben, worum es für uns wirklich geht, um die Evolution unserer seelischen Freiheit, beginnen wir den niemals zu stillenden Schmerz unserer Kindheit endgültig hinter uns zu lassen. Erwachsen zu werden bedeutet, uns daran zu erinnern, dass wir eine Bestimmung besitzen und uns die seelische Freiheit zurück zu holen, die uns durch die materiellen Grenzen der Welt genommen wurde.

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