23 Glückseligkeit


Was wir Erwachsenen Mut nennen, ist nur die angstfreie Lust des Kindes. Was wir Demut nennen, ist sein Staunen.

Marc Aurel Jost

Die Glückseligkeit der Philosophen

Woher weiß ich, wer ich bin?
Woher weiß ich, was ich tun soll?
Woher weiß ich, was mich glücklich macht?
Weil ich es erfahren habe.

Nur was ich erfahren habe, lässt sich auch in Gedanken formen. Was ich nicht erfahren habe, äußert sich als ungestillte Sehnsucht nach Erfahrung und regt meine Vorstellung an. Eine Antwort werden diese Gedanken jedoch niemals für mich besitzen. Ich trage bereits die Antwort in mir, doch nicht so wie mein Verstand es verstehen kann. Sehnsucht ist das Gefühl, welches uns ins Unbekannte zu gehen drängt, damit wir die Erfahrungen machen, durch die wir uns selbst in der Welt wiederfinden. Was wir sind, steht außerhalb dieser Welt und ist kein Teil von ihr. Uns selbst in der Welt zu entdecken bedeutet, alle jene Wesen und Dinge zu suchen, welche im Gleichklang mit unserer Seele schwingen. Erst wenn ich dem begegnet bin, was sich im Gleichklang befindet, weiß ich wirklich, was ich gesucht habe.

Gnothi seauton! – Erkenne dich selbst und lerne zu unterscheiden, was Du bist und was Du nicht bist, was fremd ist und was eigen. Die Fähigkeit zur Unterscheidung, wie sie bereits in der Reihe zum Heiligen Gral zur Sprache kam, ist identisch mit dem Durchschneiden der Schleier, welche den Blick auf die Seele versperren. Um herausfinden zu können, was im Gleichklang mit meiner Seele schwingt, muss ich mich zunächst selbst darin befinden. Meine Psyche, mein Körper, mein ganzes Dasein muss zuerst in der Klangfarbe meiner Seele schwingen, damit die Töne meines Lebens ihrem Rhythmus folgen können. Nur so kann es mir gelingen, nicht im Widerspruch zu meiner eigenen Wahrheit zu leben. Nur so werde ich ein Teil der göttlichen Vorsehung und werden die Götter meine Absichten unterstützen und meine Taten belohnen.

Die Eudaimonie, die Glückseligkeit der alten Griechen, ist eine Angelegenheit der Seele. Eudaimonie zu besitzen bedeutet, mit einem guten Daimon verbunden zu sein. Ein Daimon können alle Geister und Kräfte der göttlichen Sphären sein, die mein menschliches Schicksal beeinflussen. Während die einfachen Griechen in den Daimonen die Schicksalskräfte am Werk sahen, erkannten die Philosophen ihre eigene Verantwortung, nach dem guten Leben zu streben. Wer in seinem Leben danach strebt, dass ihm Gutes widerfahre, der solle das Gute in sich selbst verwirklichen und dann erführe er die Eudaimonie, die Vollkommenheit seines Wesens. Kein höheres Ziel könne es geben, keinen Zweck der darüber hinaus führt. Der Weg zur Glückseligkeit der Philosophen ist ein Weg der Tugend.

Was einen Helden ausmacht

Um die Eudaimonie erreichen zu können, benötige es einen tadellosen Charakter. Tugendhaftigkeit war jedoch keine Angelegenheit der Moral in unserem heutigen Sinne. Moral hatte damit nichts zu tun. Die Vortrefflichkeit einer Person, auch Arete genannt, bestand in seiner Hingabe an die eigene Vollkommenheit. Was den Helden auszeichnet, der in Eudaimonie, im Einklang also mit seiner göttlichen Natur lebt, sind nicht allein seine Kraft, sein Mut, seine Klugheit, seine Ausdauer. Erst aus seiner Ergebenheit gegenüber dem eigenen Schicksal und mit seiner Leidenschaft mit der er es erfüllt, erwächst die Poesie seines Daseins. Die Vorsehung der Götter und die Bereitschaft des Menschen sein Schicksal anzunehmen, erschaffen zusammen die Vortrefflichkeit eines Wesens, seine Arete.

Die Glückseligkeit der Philosophen ist es, ihre Arete zu erkennen und ihr mit aller Kraft zum Ausdruck zu verhelfen. Die Arete bezeichnete im allgemeinen die Fähigkeit einer Person, eines Wesens, oder auch einer Sache, die ihm zugedachte Aufgabe zu erfüllen. Bei einem Menschen tritt die Arete hinter einer Kombination verschiedenster Eigenschaften hervor. Seine Anlagen geben zu erkennen, für welche Aufgaben sie sich eignet. Das Heldenideal der großen Epen und Legenden zeichnete Männer und Frauen die auf allen Ebenen ihres Daseins getestet wurden. Seine idealisierte Kraft und Klugheit verschonte auch einen Odysseus nicht davor, sein halbes Leben auf Irrfahrt zu verbringen und immer wieder erneut seinen Trickreichtum beweisen zu müssen.

Das einzig wahre Glück für einen Menschen ist es, sich für das eigene Schicksal zu entscheiden und zu lernen, es nicht nur klaglos anzunehmen, sondern zu meistern. Der Einsatzzweck eines Messers kann vielseitig sein. Wir können es zum Essen verwenden, als Werkzeug, Operationsbesteck, Statussymbol, Kunstgegenstand, doch seine Arete bleibt immer gleich. Es soll schneiden und je nach Art, etwas ganz Bestimmtes. Seine Vollkommenheit zeigt ein Messer dann, wenn es dem richtigen Zweck zugeführt, gepflegt und geschärft wird. Die perfekte Schärfe erhält es durch den richtigen Schliff, durch die Arbeit an seiner Schneide. Die richtige Pflege beginnt mit der Rücksicht und Umsicht mit der es geführt wird, damit es scharf bleibt. Der richtige Einsatzzweck ergibt sich am Ende aus der Erkenntnis, wie es geschliffen und geführt werden sollte.

Die Verbindung zur Schöpferkraft

Ganz gleich verhält es sich mit dem Menschen. Unsere Arete, die Vollkommenheit einer Seele die sich offenbaren möchte, wird leicht verdeckt durch die Vielfalt der künstlichen Zwecke, denen wir uns unterwerfen. Denn bei dem Versuch, den richtigen Zweck für unser Dasein zu schaffen, arbeiten wir uns an unseren Illusionen ab. Wir sind gezwungen unsere Klinge immer wieder neu zu schleifen, nachdem sie Mal um Mal rissig und stumpf wurde. Wir müssen lernen, uns die richtige Pflege und Liebe zu geben, die uns ermöglicht weiterzumachen. Und gleich bei diesem, doch so anstrengenden Prozess, lernen wir das Wesen unserer Arete kennen. Mit jedem Mal, dass wir erneut aufstehen und die Arbeit an uns selbst beginnen, kommen wir unserer wahren Form näher. Dafür müssen wir die Bereitschaft entwickeln loszulassen, was wir nicht sind. Was uns verwirrt ist die Illusion, nicht die Wahrheit über uns selbst.

In die Stille zurückgezogen frage ich mich, weshalb bin ich hier, was ist meine Aufgabe, welches Vermächtnis möchte ich einmal hinterlassen? Was kann ich Tag für Tag dafür tun, meinem Traum, meiner persönlichen Vollkommenheit näher zu kommen? Wie kann ich davon loslassen, ein bestimmtes Ergebnis zu erhalten? Auf diesem Weg möchte ich der Vision meiner Seele immer näher kommen, um das Rätsel eines Tages lüften zu können. Vermutlich im gleichen Augenblick, da sich die Vision zu erfüllen beginnt. Dafür bemühe ich mich, meiner Arete zu folgen und mein Schicksal anzunehmen, mich selbst anzunehmen. Erfüllung soll sein, zu leben was gelebt werden möchte. Es ist nicht unsere Aufgabe das Leben zu kontrollieren, sondern ihm Raum zu geben, um sich entfalten zu können. So wie ich dem Leben den Raum zur Verfügung stelle, der ihm zusteht, so wird es sich durch seine Fülle offenbaren.

Am Ende kommt es darauf an, dass ich herausfinde, wie ich der Welt am besten dienen kann. Denn nur der Dienst an der Welt offenbart meine Bedeutung für sie und erwirbt mir ihre Unterstützung. Daher bemühe ich mich ethisch zu handeln und das Richtige zu tun, so wie es meiner inneren Wahrheit entspricht. Die Welt respektiert nichts mehr als Wahrhaftigkeit, nur der Mensch fürchtet sie. So gehe ich in mich und frage, wo kann ich daran arbeiten, mehr ich selbst zu werden, mir selbst zu genügen, in meiner Wahrheit zu stehen und alleine zu gehen. Zu erkennen wer ich bin, zeigt mir was ich wirklich will, so dass meine Wünsche und meine Persönlichkeit nicht mehr im Widerspruch stehen. Nur in meiner Arete, meinem tiefsten seelischen Ausdruck, besitze ich Verbindung zur Ewigkeit und erhalte die Macht ihre Schöpferkraft für mich zu nutzen.