24 Vertrauen

Und ich sage Euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so kommt ihr nicht ins Himmelreich.

Matthäus 18.3

Mut und Demut

Zum Ende des vergangenen Kapitels kam ich oft auf die menschlichen Tugenden des Mutes und der Demut zu sprechen und ihre Bedeutung für die seelische Entwicklung. Auf diese beiden Qualitäten und ihre Bedeutung für unser Vertrauen ins Leben möchte ich hier näher eingehen. Für das volle Verständnis des heutigen Artikels kann es jedoch nützlich sein, sich den Artikel „Dankbarkeit“ noch einmal ins Bewusstsein zu holen. Zunächst muss ich erklären, was für mich Mut bzw. Demut bedeuten, denn im Alltag fassen wir unter diesen beiden Begriffen sehr unterschiedliche Eigenschaften und Verhaltensweisen zusammen. Hinter ihnen verbirgt sich jedoch eine tiefe Erkenntnis über die grundlegende Natur unserer Psyche und weshalb wir Vertrauen benötigen, um unsere Seele spüren zu lernen.

Für gewöhnlich werden Menschen als mutig bezeichnet, die sich durch soziales Selbstvertrauen auszeichnen oder Risiken eingehen, die der Durchschnitt der Menschen eher vermeiden würde. Wenn allerdings mutige Menschen gefragt werden, wie sie zu der Entscheidung kamen, bspw. ihr eigenes Wohlergehen für die Rettung eines anderen zu riskieren, dann ist die Antwort fast immer die gleiche: Es war selbstverständlich. Echte „Helden“ mögen es selten, als solche bezeichnet zu werden. Ein solcher Mut ist das Zusammentreffen aus Kraft und Notwendigkeit. Kein Gedanke ist dafür nötig und keine Überwindung. Wer sich erst überwinden muss, der besitzt eine ihn kontrollierende Angst. Diese Angst ist etwas anderes als der Adrenalinstoß des Handelnden. Diese Angst ist das Ergebnis erlernter Hilflosigkeit und der inneren Überzeugung, keine Kraft zu besitzen.

Die Demut wird heute nicht selten als Selbstverachtung verstanden. Nur logisch in einer Gesellschaft, welche den Menschen zum Maßstab aller Dinge erhebt. Demut ist aber nicht das Gegenteil von Mut, sondern seine passive Form. Demut ist zunächst die unmittelbare Erkenntnis von Schönheit und spiritueller Kraft in der Schöpfung. Ich kann mich in Demut üben, indem ich die Schubladen ausräume, in die ich alles gesteckt habe, was mir im Leben begegnet ist. Aber am Ende ist die Demut keine Eigenschaft wie jede andere. Man kann sie nicht besitzen, sondern nur erfahren. Wer lernt, der Welt in Offenheit zu begegnen, so wie ein Kind es tun würde, der wird aus dem Staunen nicht herauskommen. Demut ist wie Mut eine Erfahrung der Seele und nicht des Verstandes oder der Emotionen.

Lust und Staunen

Was ist das, eine Erfahrung der Seele? Eine seelische Erfahrung entsteht im Erleben von Bewegungen in unserem Bewusstsein, die aus Rührung und Erkenntnis bestehen und dabei auf einer tiefen Verbindung von Objekt und Betrachter bauen. Emotionen und Interpretationen des Verstandes stören dabei die Versenkung des Betrachters und damit die Verbindung zu seinem Gegenüber. Eine Erfahrung der Seele besteht aus der Be-Rührung, welche die Verbindung erzeugt und den dabei übertragenen, intuitiv erfassten Informationen. Ein Baby oder Kleinkind befindet sich ohne Absicht in diesem Zustand, weil es der Welt noch in schutzloser Offenheit begegnet und ohne seine innersten Impulse, seine persönliche Wahrheit zu unterdrücken.

Dieses Vertrauen kann nicht gewollt werden, denn es gründet sich auf der Absichtslosigkeit, dem Zustand des Menschen ohne Ego. Absichtslosigkeit bedeutet eben nicht Impulslosigkeit oder Handeln ohne Intelligenz. Es ist einfach authentisches Sein ohne Agenda. Ein Kind empfindet seine Impulse als Lust am Leben. Sein Staunen über die Welt entsteht aus der zutiefst magischen Verbindung mit ihr, die es seiner Offenheit zu verdanken hat. Ein Kind benötigt Vertrauen, um seine Lust und sein Staunen zu erleben. Ein Kind besitzt Vertrauen, da es in der Welt noch nichts Böses vermutet. Wir nennen diesen Zustand auch Urvertrauen. Das Geheimnis des Urvertrauens ist es, dass jede andere Form echten Vertrauens nur das Urvertrauen in neuem Gewand ist.

Urvertrauen ist eine seelische Kraft und nicht von dieser Welt, denn in einer Welt des Zufalls und der harschen Naturgesetze kann es kein Vertrauen geben. Im Menschen verbindet sich dagegen die seelische Kraft der Freude mit der Neugier auf die Erfahrung der Welt und äußert sich als Lust. Ist unsere Lust größer als unsere Angst, dann überwinden wir sie, um eine Erfahrung zu machen. Mut ist nur eine Äußerung kindlicher Lust. Daher verhalten sich Kinder weitaus risikobereiter als Erwachsene. Sie stellen die lustvolle Erfahrung noch über die Vermeidung von Schmerz. Das Staunen der Kinder gegenüber der Faszination der Welt ist nicht ihrer Unwissenheit geschuldet, sondern ihrer Offenheit. Weil sie noch frei sind von Urteilen, Meinungen und psychischem Druck, sind sie fähig die Welt ganz in sich aufzunehmen und sich so wirklich mit ihr zu verbinden.

Das Vertrauen eines Kindes

Diesen Mut eines Kindes, der sich in der Lebenslust äußert und diese Demut, die sich in seinen strahlenden Augen zeigt, finden viele Erwachsene erst unter dem Einfluss heiliger Pflanzen wieder. Ihre heilende Kraft ist dort zu finden, wo sie unser Bewusstsein vorübergehend an seine Herkunft erinnert und uns wieder das Staunen und die Lebenslust eines Kindes zurückgeben kann. Ihre Aufgabe ist aber nur die Erinnerung zu wecken, die Arbeit an uns selbst wird uns dabei nicht genommen. Wenn wir danach streben, die Offenheit und Lebenslust unseres inneren Kindes wiederzugewinnen, dann müssen wir dafür alle unbewussten negativen Glaubenssätze erkennen. Unsere Kraft wurde niemals kleiner, doch wendet sie sich heute vielleicht gegen uns, blockiert unser Gefühl für uns selbst und unseren Platz in der Welt oder schädigt sogar unseren Körper.

Ähnlich zu dem Modell der erwachsenen Tugenden im Artikel „Dankbarkeit“, habe ich hier ein zweites Modell der kindlichen Tugenden. Das Geheimnis der erwachsenen Tugenden ist, dass sie nur eine andere Erscheinung der kindlichen darstellen. Der Erwachsene ist sich seiner selbst bewusst, wo das Kind noch keine Identität herausgebildet hat, doch die Kraft war immer und bleibt immer die gleiche. Wir können nichts anderes sein als das, was wir mit uns auf die Welt gebracht haben. Wir können uns nur daran erinnern, nachdem wir es vergessen haben. Weil man uns erzählt hat, dass wir nicht „richtig“ sind. So wie wir einmal waren. Uns zu erinnern beschenkt uns mit der Erkenntnis unseres persönlichen Lebenssinns, der sich im Licht unserer Lust und unseres Staunens offenbart.


Liebe-Freiheit: Die vollständige und bedingungslose Akzeptanz für das, was ist.
Vertrauen: Der Ursprung aller Intuition in der Reinheit des seelischen Erlebens.
Lust: Die männliche Energie der aktiven Impulse und des drängenden Forschens.
Staunen: Die weibliche Energie der passiven Öffnung und der Aufnahme äußerer Impulse.
Passive Auflösung: Das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Welt und die Fähigkeit zur Transformation fremder Energien. Unser Ego löst sich in der Verbindung mit der äußeren Welt auf.
Aktive Auflösung: Das Vertrauen in die eigene Kraft zur Realisierung seelischer Impulse. Unser Ego löst sich in der Verbindung mit der inneren Welt auf.
Hingabe: Die bewusste Offenheit und Selbstaufgabe für das, was gelebt werden will.

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Vielen lieben Dank, Marc.