25 Die Menschheit

Hinter die Oberfläche der Menschen sehen, hinter das Persönliche, das Leben selbst in ihnen lieben.

Christian Morgenstern

Kollektive Intelligenz

Wer zum ersten Mal still steht und die Welt des Menschen betrachtet, der muss entsetzt sein. Sind wir so unverbesserlich und schlecht, dass wir Menschen Zerstörung bringen, wohin wir auch gehen? Gibt es unter dem Strich überhaupt eine Hoffnung, dass die Unschuld den Menschen überlebt, dass die Ungerechtigkeiten gegenüber den Tieren und das Elend der Armen jemals ein Ende finden? Niemand, der sich auf die Suche nach einer Antwort macht, ist dabei losgelöst von seinem eigenen Anteil an der Tragödie. Keine Antwort die unser Verstand in Religionen oder politischen Überzeugungen je finden mag, wird an der Natur des Menschen etwas ändern. Wie schwierig ist es bereits, das eigene Verhalten zu verstehen und sein eigenes Leben zu ändern? Es gibt da draußen niemanden, der irgendetwas unter Kontrolle hätte.

Freiheit, so heißt es, sei eine Illusion, die durch den Abstand zwischen denen mit Macht und denen ohne entsteht. Wenn das so ist, was ist dann Macht? Bedeutet Macht, Dominanz über die Welt ausüben zu können, weil das Schicksal mich begünstigt? Kann sich in einer Welt, in der ich um Einfluss für meine Ideale kämpfen muss, jemals irgendetwas verbessern? Es müssten ja nur alle gleich denken oder dazu gezwungen werden, dann wird sich schon alles zum Guten wenden. Diesem Gedanken folgend erschuf der Mensch die größten Alpträume auf Erden. Jeder Mensch kann nur das denken, nur so handeln, wie er empfindet und was die allermeisten Menschen wirklich empfinden, ist Angst. Nicht, dass sie das merken würden, aber sie haben kontinuierlich Angst die Illusion von Kontrolle zu verlieren.

Ich kann nicht ändern, was ein anderer Mensch fühlt. Ich kann ihm nur meine Energie schenken, um ihm zu helfen, etwas angenehmeres zu fühlen. Ob er es annimmt ist seine Sache. Damit ich meinem Nächsten positive Energie schenken kann, brauche ich sie erst einmal selbst. Der spirituell Suchende muss sich aus der kollektiven Sucht nach Kontrolle lösen. Es gibt keine kollektive Intelligenz und schon gar kein kollektives Gewissen. Jede Erwartungshaltung an die Menschheit als Ganzes kann nur Enttäuschung zur Folge haben. Wir lernen als Individuen, nicht in der Masse. Jeder entscheidet dabei für sich selbst, was es bedeutet Mensch zu sein. Daher muss der Suchende Mitgefühl für die Menschen entwickeln und sich zugleich von ihrem Drama lösen. In der Welt und bei den Menschen sein, doch nicht von ihrem Wesen.

Zwei unsichtbare Kräfte

Im Reich des Menschen gibt es zwei Kräfte, welche alle Angehörigen seiner Art an einer unsichtbaren Kette halten. Die eine Kraft sind die Emotionen und die andere Kraft der Verstand. Der Mensch ist süchtig nach ihnen und glaubt, dass er mit ihrer Hilfe die Kontrolle über sein Leben oder das anderer gewinnen könne. Und solange er so denkt, erhält er keinen Zugang zu seiner tieferen Gefühlswelt, in der alle Antworten bereits gegeben sind und kein Zwang jemals notwendig sein wird. Und weil er diesem Irrtum aufsitzt, kontrolliert der Mensch nicht nur sich selbst, sondern achtet darauf, dass auch alle seine Artgenossen diesen Irrtum wiederholen und ihm nicht entkommen. Wir Menschen sind eigentlich Energiefelder mit einer individuellen Schwingung, wie ein Regentropfen der Wellen schlägt, wenn er ins Meer fällt.

Das Meer selbst besteht aus unendlich vielen Tropfen, deren einzelne Schwingungen sich gegenseitig beeinflussen und dabei zusammen höhere Wellen und tiefere Täler bilden. Die Macht von Verstand und Emotionen bricht erst durch die Masse der Menschen hervor. Ein einzelner Mensch, der sich in die Ruhe der Natur zurückzieht, wird immer langsamer, stiller und irgendwann verlässt ihn der Wahnsinn der lärmenden Masse auch in seinem Inneren. Ab diesem Moment beginnt er sich selbst wieder zu spüren. Unsere Psyche ist keine in sich geschlossene Einheit, sondern eine dynamische Welle, entstanden und aufrecht erhalten aus den Kräften unseres Umfelds. Wir dürfen sie nicht mit unserer Seele verwechseln. Wir sind unsterbliches Bewusstsein, das nur die Erfahrung macht Mensch zu sein.

Unsere seelische Evolution auf Erden hat zum Ziel, die menschliche Erfahrung zu integrieren, wir sind aber keine Menschen oder jedenfalls nicht nur. Unsere Aufgabe ist es, unsere eigene Perspektive darauf zu entwickeln, was es bedeutet Mensch zu sein. Wir sollen lernen zu verstehen und zu lieben, bedingungslos. Je mehr ich mich aus den Dramen von Verstand und Emotion befreie und beginne zu verstehen, desto mehr erkenne ich mein eigentliches Wesen und gleichzeitig das Potential der menschlichen Lebensform. Daher muss ich die menschliche Erfahrung ehren, darf mich nicht über sie erheben oder sie verurteilen. Denn wer beginnt sich selbst zu befreien, stellt irgendwann fest, dass er alleine niemals wirklich frei sein wird. Selbstliebe und Nächstenliebe besitzen die gleiche Qualität, die der Einsicht und Akzeptanz.

Der Schlüssel

Die Menschen zu lieben bedeutet, dass ich mich frei mache von meiner Angst, von ihnen verurteilt zu werden. Wo ich noch von der Angst vor Verurteilung gelenkt werde, da bin ich niemals wirklich frei. Mein Empfinden und Denken wird dann gesteuert von den unsichtbaren Kräften der kollektiven Psyche. Wenn ich ständig versucht bin fremden Ansprüchen zu genügen, wie könnte ich mich dann frei nennen. Und umgekehrt gilt, solange ich mich dagegen auflehne, dass die Menschen sind wie sie sind und das Kollektiv mein Leben kontrollieren möchte, solange bin ich ebenfalls nicht frei. Denn dann werde ich von den Schattenseiten der gleichen Kräfte bestimmt und ich befinde mich zusätzlich im ständigen Konflikt mit den Gegenkräften. Niemand kann sich sicher fühlen unter Menschen, die er selbst nicht akzeptiert.

So ist die Nächstenliebe und die Liebe zur Menschheit der Schlüssel zum Verständnis des eigenen Menschseins. Sie zu lieben bedeutet, sie zu verstehen. Liebe ist nichts anderes, als die höchste Perspektive aus der die Welt wieder als Einheit erscheint. Der göttliche Blickwinkel. Außerhalb der Liebe gibt es nur Trennung und Trennung führt zum Konflikt und Konflikt zur Gewalt. Das bedeutet in keinster Weise, dass ich es akzeptieren muss, wenn meine Grenzen überschritten werden. Im Gegenteil, so ist der Mut, die Grenzen des Akzeptablen aufzuzeigen, ein wichtiges Merkmal einer freien Seele. Jedes Tier besitzt eine freiere Seele als die meisten Menschen und jedes Tier wird sich wehren, wenn seine Freiheit in Frage gestellt wird.

Aber die Freiheit der Seele beginnt im Herzen und in seiner Unberührtheit und Unbeeindruckbarkeit durch die Stürme des Lebens und die geistlosen Spiele der Menschen. Keine politische Revolution und keine religiöse Bewegung wird den Menschen jemals befreien oder das Leiden beenden. Es sind nur Wellenspiele der kollektiven Psyche, Ausdruck eines Zeitgeistes ohne echte Erkenntnis und spirituelle Tiefe. Es gibt in Wahrheit nichts zu tun, außer wahrhaft zu sein. Wahre Macht ist die Fähigkeit das Leben aller zu verbessern, ohne handeln zu müssen, allein durch die Kraft und Schönheit freier Lebensenergie. Den Menschen zu lieben, bedeutet Schmerz, Leid und Ungerechtigkeit ertragen zu können und ohne zu verzweifeln oder Empörungen des Egos an einer besseren Welt zu arbeiten.