30 Schuld und Krieg

Die Wurzel des Schuldproblems liegt in der menschlichen Natur selbst, in unserem Versagen als Menschen unser Potential zu leben und nach unserer Vision des Guten.

J. Glenn Gray

Der Krieg in uns

Kriegsfilme faszinieren mich, sie schockieren mich und ich liebe diesen Schock! Sie transzendieren die Normalität der Gesellschaft, die den in ihr schlummernden Krieg verdrängt, statt sich mit seinen Ursachen auseinanderzusetzen. Sie sucht lieber Schuldige im Versuch sich selbst als moralisch darzustellen. Ich erinnere mich an die erste Aufführung von „Der Soldat James Ryan“. Der Film war für die damalige Zeit, kurz vor der Jahrtausendwende, ziemlich explizit in seiner Darstellung des Grauens. Ich erinnere mich auch, wie mich das betretene Schweigen der Zuschauer am Ende des Films befriedigte. Damals wollte ich selbst noch Soldat werden.

Zur Zeit läuft in einigen Kinos eine neue Version des Klassikers „Apocalypse Now“, einer der bekanntesten Filme über den Vietnam-Krieg. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der seelischen Entwicklung und Wahrnehmung des Krieges durch seine Teilnehmer. Ich halte ihn für einen der bemerkenswertesten Filme, die je gedreht wurden. Er betrachtet den Krieg aus Perspektiven, welche die Widersprüche zwischen unseren moralischen Ansprüchen und der brutalen Realität offenbaren. Der Film entwickelt mit seiner surrealistischen Atmosphäre einen Sog, der es einfach macht, die immer weiter in den Wahnsinn abdriftenden Gefühle der Protagonisten nachzuvollziehen. Am Ende verliert sich die Frage nach Sinn oder Schuld in der höllischen Hitze des dampfenden Dschungels.

Das Wesen der Schuld

Schuld ist ein juristisch-philosophisches Konzept das auf dem Bedürfnis nach Vergeltung fußt. Die Natur dagegen kennt nur Ursache und Wirkung, aber keine Rache. Meine Beteiligung an einer Sache, wie auch immer ich in sie hineingeraten bin, hinterlässt Spuren in mir. Für diese Spuren trage ich die Verantwortung, diese Wunden muss ich versorgen. Es nützt diesen Wunden nichts zu wissen, wer für sie ursächlich ist, wer Schuld hat. Dabei spielt es keine Rolle ob wir einen Kampf offiziell gewonnen oder verloren haben, die Gewalt ist am Ende immer der Gewinner, denn sie frisst die Seelen aller Beteiligten auf. Sie ist die einzige, die am Ende gewinnt und die durch meine Identifizierung als Sieger oder Verlierer weiterlebt, egal ob ich mir die Schuld gebe oder der anderen Partei. Das Trauma hinter mir zu lassen bedeutet, meine Angst aufzugeben, dass es sich wiederholt.

In der Folge der Weltkriege und sozialistischen Kulturrevolutionen betrieb die „zivilisierte“ Welt eine spirituelle Insolvenzverschleppung, die mit dem Scheitern der Amerikaner in Vietnam erst offensichtlich wurde. Die Friedensbewegung der 68er speiste sich aus dem Bedürfnis das spirituelle Vakuum zu überwinden, das der wachsende Materialismus nur mühselig zudecken konnte. Doch die Herausforderung für die Friedensbewegung war groß und die psychische Komponente der kulturellen Ursache von Gewalt und Traum kaum erforscht. Die Anti-Kriegsbewegung blieb mehrheitlich politisch und suchte nach der Veränderung durch äußere Freiheit und Revolutionen. Was blieb, war das verleugnete seelische Vakuum, der kulturelle Verfall einer visionslosen Gesellschaft und die Flucht in den Materialismus.

Krieg und Aufarbeitung des Leidens

Es ist nicht nur so, dass die Verdrängung des Leidens dieses an die nächste Generation weitergibt, welche ihrerseits nun Gefahr läuft in den Kampf zu ziehen. Die Gewalt ist die Ursache für alle Gleichgültigkeit und Ignoranz, die eine rein materialistisch ausgerichtete Gesellschaft überhaupt erst möglich werden lassen. Meine beiden Großväter waren am Krieg als deutsche Soldaten beteiligt, beide als Täter, beide als Opfer. Vielen Menschen würde es leicht fallen, in dem einen nur den Täter zu sehen, so wie der andere als Opfer taugen würde. Aber am Ende haben beide Dinge gesehen und erlebt, die sich ihre naiven jugendlichen Seelen zuvor nicht vorstellen konnten. Entscheidend ist, dass der Krieg in beiden Spuren hinterließ, die sie ihr Leben lang nicht aufarbeiten konnten.

Auch wenn meine beiden Großväter längst gestorben sind, so sehe ich ihren Schmerz in meiner Familie weiterleben. Es spielt keine Rolle in welcher Konstellation Gewalt ausgeübt wird, sie hinterlässt immer und in allen Beteiligten Spuren. Und diese Spuren lassen sich wie auf einer psychologischen Schnitzeljagd in den Seelen ihrer Nachkommen aufspüren. Selbstverständlich ist da nicht nur Schmerz, ich will hier nicht nur das Negative sehen. Doch wenn wir weiterkommen wollen, dann müssen wir uns den Schatten stellen. Deutschland in seiner Haltung des „mea maxima culpa“ hat das nie getan. Meine Familie hat das nie getan. Eigentlich kenne ich überhaupt niemanden, bei dem ich den Eindruck gehabt hätte, dass wir mit dem Krieg emotional durch wären.

Ablehnung von Verantwortung

Wir glauben wir wären anders als jene, denen wir die Schuld geben. Was tatsächlich stattfindet ist, dass wir das Grauen, das unser Fassungsvermögen übersteigt, von uns weisen. Wir lehnen es ab, in irgendeiner Weise mit seiner Existenz verbunden zu sein. Daher brauchen wir jemanden, der es ist und damit wir wiederum denjenigen ablehnen können. Diejenigen die sich selbst schuldig fühlen, waren dagegen oft genug selbst Opfer und sind in sich tief gespalten. Und auf diesem Boden voller unbearbeitetem Traum soll der neue Frieden wachsen? Diese Methode der Gesellschaft sich selbst in die Position des moralisch Guten zu stellen, haben ich schon früh spüren können und ich glaube deshalb fasziniert mich der Krieg. Er ist der erschreckendste und tiefgreifendste Fingerzeig auf die Selbstverleugnung unserer Zivilisation.

Vielleicht ist es Zeit danach zu fragen, wo der Krieg in uns selbst beginnt. Um bei Deutschland als Beispiel zu bleiben: Haben es die leidvollen Erfahrungen unserer Großväter nicht verdient beachtet zu werden? Ganz besonders wenn wir davon ausgehen dürfen, dass ihr Leiden sich in uns fortsetzt? Meine Großväter sahen ihre Schulkameraden und Freunde sterben, zerfetzt, verbrannt und im Dreck verblutet. Sie hungerten in Kriegsgefangenschaft und hatten am Ende ein Jahrzehnt ihres noch jungen Lebens an Gewalt, Demütigung und Entmenschlichung verloren. Gefühle der absoluten Hoffnungslosigkeit, grenzenloser Wut und Trauer, wurden für immer ein Teil ihres noch jungen Lebens. Und wir fragen uns, weshalb die wenigsten gerne über diese Zeit sprachen.

Friedensgespräche

Unter den Männern aus der Generation meiner Eltern, den Söhnen der jungen Kriegsteilnehmer, gibt es nicht wenige, deren Zugang zu den eigenen Gefühlen als ziemlich bescheiden bezeichnet werden muss. Das heißt nicht, dass diese Generation keine liebevollen Väter hervorgebracht hätte, aber wieviele von ihnen leiden heimlich, so wie es die Großväter taten? Wieviele haben keinen Zugang zu einem freien Ausdruck ihrer Lebensenergie? Wir brauchen Mitgefühl für uns selbst und für alle die vor uns gingen, sonst bleiben wir weiterhin Gefangene der Gewalt. Die letzten Teilnehmer des Krieges gehen gerade von uns. Doch spüre ich den Krieg überall in der Schutzlosigkeit, der Ohnmacht und inneren Gefangenschaft unbewusster Glaubenssätze der kollektiven Psyche.

So kämpfte Amerika als Siegermacht in Südostasien, weil es sein Trauma dadurch zu verdrängen sucht, dass es den Sieg auf den Schlachtfeldern der Vergangenheit wiederholt. Doch seit Vietnam und den 68ern kämpfen sich die Schatten der verdrängten Gewalt aus dem Unterbewusstsein der westlichen Kultur an die Oberfläche. Und weil wir nicht wissen, wie wir mit ihnen anders umgehen sollen, als neue Schuldige zu suchen und uns in immer neue Konflikte zu verwickeln, zerfrisst sich unsere Kultur im Selbsthass. Wir müssen es schaffen die Schatten anzuschauen, die Gefühle zu durchleben und uns selbst und unseren Vorfahren zu verzeihen, dann werden auch alle positiven Werte, für die sie gekämpft haben, durch uns weiterleben und ihr Leiden nicht umsonst gewesen sein.

Es gibt einen gangbaren Weg zukünftige Kriege zu verhindern. Wenn wir den Mut finden, die Ursache des Krieges in uns selbst zu erforschen, werden wir auch den Frieden im Außen finden.

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