38 Respekt und Ehre

Mathestunde

Die Gedanken fliegen dahin, aus dem Fenster hinaus auf die Straße, um den Schlossberg herum und in den Wald. Dort findet das Leben statt.

Was auch immer hier vor sich geht, es hat nichts mit mir zu tun. Es lehrt mich nichts, was ich brauchen werde.

Das fühle ich. Ich brauche niemanden, der mir noch sagt, was gut für mich wäre.

Marc, interessiert es Dich nicht?“

Seine Augenbrauen zucken und führen ihren Kriegstanz auf. Wie die Federn mit denen sich wilde Krieger schmücken, um ihre Feinde zu beeindrucken.

Marc, interessiert es Dich nicht?“

Soll ich Dir wirklich antworten was ich denke, oder was Du hören willst?

Antworte gefälligst“

Dieser Ort ist so sinnlos, ein Gefängnis und seine Wärter mit der intellektuellen Demütigung seiner Insassen beschäftigt.

Du siehst nicht wer ich bin und es interessiert Dich auch nicht. Aber warum tust Du so als ob? Um Dir selbst einreden zu können, dass Deine Arbeit Sinn macht und Deinem Leben Bedeutung gibt?

Vor jungen Menschen zu stehen, die Dich belächeln und die Du dazu zwingen musst, Dich ernst zu nehmen?

Ich habe keinen Respekt vor Dir, Angst vielleicht, aber ich kann Dir nicht geben, was Du hören willst.

Verschwinde raus auf den Flur, wenn es Dich nicht interessiert.“

Du tust mir Leid alter Mann.

Du bist zu verwirrt und zu alt, um Deinen Wahnsinn noch erkennen zu können.

Wenn meine bloße Existenz Dich provoziert, wie wenig musst Du von Dir selbst halten?

Achtsamkeit und Ehre

Heute in aller Munde: Achtsamkeit, das neue Schlagwort auf dem esoterischen Basar, an dem sich jedermann bedienen kann.

Also tun wir das auch. Achtsamkeit ist schlichtweg Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit des Beobachters ist sein Respekt für das von ihm Betrachtete, das diesem zur Ehre gereicht.

Ehre ist das Maß an Respekt, das etwas verdient, der Grad an Aufmerksamkeit, der einem Wesen gebührt oder einer Sache dienlich ist.

Das eine kommt nicht ohne das andere. Sie bedingen einander. Es benötigt Ehre in diesem Sinne, um Respekt zu verdienen.

Wir verbinden Ehre für gewöhnlich mit den spezifischen Konzepten einer Kultur. Aufgeklärte Geister meinen daher zu erkennen, dass Ehre etwas beliebiges ist.

Aber Ehre entspricht der seelischen Gravitation, welche von einer Erscheinung für ihren Beobachter ausgeht. Natürlich kann es Ehre nicht ohne den dazugehörigen Beobachter geben.

Dennoch ist sie kein Ergebnis einer Bewertung, sondern des Wechselspiels von integraler Präsenz des Objekts und der Wahrnehmungsfähigkeit des Subjekts.

Ehre und Respekt sind die zwei Formen einer Beziehung zwischen Beobachter und Objekt. Sie beschreiben ihr Verhältnis.

Damit ein Beobachter seinem Objekt willentlich Aufmerksamkeit schenken wird, muss für ihn erkennbar sein, dass es diese auch verdient.

Ist das Objekt selbst eine Person, dann muss sie fähig sein, sich als das zu zeigen, was sie ist. Sie muss authentisch sein, denn Integrität beschreibt die Ehre eines Menschen.

Ein integerer Mensch wird daher auch die Bewunderung und Achtung anderer Menschen erfahren. Wer sich nicht zeigen kann oder will, der wird Misstrauen und Verachtung anlocken und Gewalt benötigen, um Respekt zu erhalten.

Ehre und der spirituelle Weg

Ehre ist eine spirituelle Kraft, die sich als Ausstrahlung, Anmut und Größe zeigt. Sie ist das Ergebnis von Integrität und Authentizität, sprich: gelebte Selbsterkenntnis.

Unsere kulturbedingten Interpretationen von Respekt und Ehre bauen dagegen auf Gewalt, sozialen Druck und Kontrolle.

Für gewöhnlich betrachtet eine Gesellschaft als ehrenhaft, was ihrem Selbsterhalt dient und einen Menschen als integer, der ihre Regeln einhält und seine Produktivität der Gesellschaft zur Verfügung stellt.

Respekt und Ehre, die an kulturelle Regeln und Traditionen gebunden sind und nicht an den seelischen Selbstausdruck eines Menschen, dienen nur einer Sache:

Der Unterdrückung seelischer Schattenanteile im Kollektiv und gegen sie zu handeln wird oft mit den härtesten Strafen geahndet. Das Kollektiv wehrt sich dagegen, an die eigenen Ängste erinnert zu werden und seine größte Angst ist, dass jemand auf die Idee kommt sich aus der Gemeinschaft zu lösen.

Daher gehört es zum unangenehmsten Teil der Reise in die Selbsterkenntnis, wenn wir die kulturellen Grenzen unserer Gesellschaft hinterfragen, um Klarheit über uns selbst zu gewinnen.

Selbsterkenntnis benötigt das Loslassen unserer Geschichte damit alles von uns abfallen kann, was wir nicht wirklich sind. Wir benötigen Urteilslosigkeit, um der Realität zu begegnen und uns zu erkennen.

Damit stellen wir jedoch alle Mythen unserer Gesellschaft und aller sozialen Gruppierungen in denen wir uns bewegen auf einen Schlag in Frage.

Urteilslosigkeit erweitert unsere Perspektive und führt uns schließlich zu unserem innersten Gefühl, das uns durchs Leben führen kann. Die Quelle unserer Integrität, unserer Größe und persönlichen Ehre.

Es ist dies eine Lektion des Lebens die viel Vertrauen benötigt, denn wir lassen los vom Verstand und finden uns wieder im Herzen.

Integrität und Authentizität fordern von uns den einsamen Weg zu gehen und von der Geräuschkulisse der „Normalität“ loszulassen.

Es ist ein großes Abenteuer, das uns in wahre Freiheit führt, in die Angstlosigkeit und darüber hinaus in ein immer tieferes Erkennen von Sinn und Wahrhaftigkeit.

Dieser Weg fordert Bescheidenheit. Die gewonnene Ehre und Größe zeigt sich in keiner Auszeichnung und nach Aufmerksamkeit zu suchen ist der Garant dafür, den Respekt des Universums zu verlieren.

Respekt ist ein Leben in Stille

Stille ist das Markenzeichen echter spiritueller, psychischer und physischer Stärke!

Suche die Stille in Deinem Körper, Deinem Geist, Deinem Handeln, Deinem Auftreten, Deinem Herzen und Du wirst mit der Stille der Welt in Resonanz treten.

Erst jetzt kann sie Dich begrüßen und sich Dir öffnen. Erst wenn Du still stehst, wirst Du sichtbar für die Ewigkeit.

Sie wartet auf Dich, aber Du musst den ersten Schritt tun und zur Stille finden. Werde so still, dass Du die leise Melodie Deines Herzens summen hören kannst.

Warte bis sie die Freude und Leichtigkeit in Dir erweckt, die Du suchst.

Stille gewinnst Du durch die Verringerung Deines Einflusses auf die Welt. Wenn Du nichts zu verändern suchst und nur wenig verbrauchst, dann kommt auch Dein Geist zur Ruhe.

Suche und spüre nach Deinem Respekt für die Welt. Erfühle, was Dein Herz ausstrahlen möchte und Du gelangst in Kontakt.

Wachse und lass dich nicht beeindrucken vom brutalen Theaterspiel der Zivilisation. Jeder hier wünscht sich Aufmerksamkeit und Respekt, doch wie viele besitzen Ehre?

Eine Ehre die nicht mit dem Wunschdenken und den Konzepten einer streitsüchtigen Menschheit verbunden ist, sondern aus der Ewigkeit geboren wurde?

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