42 Selbsterkenntnis und Erleuchtung

Selbsterkenntnis & Erwachsen werden

Jede Seele sehnt sich danach Sinn zu erfahren und ihren Platz in der Welt zu finden.

Nur verstehen die Psyche und der Verstand die Wege der Seele nicht. Philosophische Selbsterkenntnis ist eine Landkarte für jene, die nach ihrem Weg suchen.

Alle anderen begnügen sich mit einem vorgegebenen Rahmen.

Weil der Mensch einen Rahmen für sein Leben verlangt, wird es auch immer jemanden geben, der ihm diesen Rahmen vorgibt.

Die Regeln einer Gesellschaft zum „Erwachsen werden“ sind ein solcher Rahmen und deshalb liegt ihnen auch nichts an der Selbsterkenntnis eines Menschen. Das ist nicht ihr Zweck.

Jede Gesellschaft bestimmt für sich, ab wann ein Menschen „erwachsen“ ist, welche Verantwortung, Rechte und Pflichten sie ihm zuschreibt und was nötig ist, um den Status zu erhalten.

In den Jahren der Jugend werden wir dazu trainiert, die Werte, Traditionen und Denkweisen unserer Kultur zu übernehmen, um später einen Platz einzunehmen, der dem Selbsterhalt dieser Kultur dient.

Wer sich damit begnügen kann, der findet seinen Platz. Nur über sein wahres Selbst erfährt er nichts.

Wessen Seele sich nach Erfahrungen sehnt, die sich außerhalb der Wertmaßstäbe seiner Gesellschaft befinden, der hat ein Problem.

Und ist ein Glückspilz!

Wer dafür belohnt wird, ein gut abgerichtetes Mitglied seiner Gesellschaft zu sein, der findet selten den Mut und die Motivation, seiner Seele zu folgen.

Unsere moderne Gesellschaft kann es sich leisten, für die offizielle Selbstständigkeit eines Individuums nicht mehr zu verlangen, als seinen achtzehnten Geburtstag.

Auf Grund ihrer Komplexität, Überwachung, Bürokratie und der schieren Anzahl gesetzlicher Regulierungen spielt der seelische Entwicklungsstand eines Menschen keine Rolle mehr.

Das Zahnrad muss nur beweisen, dass es eine Rolle erfüllt, mit der die Gesellschaft umgehen kann.

Es wird mit seiner neu gewonnenen „Freiheit“ ohnehin nichts unternehmen, was dem System an sich gefährlich werden könnte.

Initiationsriten

In längst vergangenen Zeiten hatte man da eine andere Auffassung.

Die charakterliche Entwicklung eines Menschen, seine Selbsterkenntnis war wichtig für das Überleben seines Stammes.

Darüber hinaus verstand man vor allem eines:

Der Platz eines Menschen in der Welt liegt in seinem Herzen verborgen und es ist von elementarer Wichtigkeit, es zu befreien, bevor er oder sie in den Reihen der Erwachsenen aufgenommen werden darf.

Die Initiationsriten und Prüfungen waren nicht selten mit Risiko und Entbehrungen verhaftet, denen sich das neue Stammesmitglied stellen musste.

Tage oder Wochenlanges Fasten, Trance-Rituale, die Einnahme von halluzinogenen Drogen und die Begegnung mit der rauen Natur in absoluter Einsamkeit sollten für Erfahrungen sorgen, deren Wert unsere Gesellschaft vergessen hat und auf die sie ihre jungen Mitglieder auch nicht mehr vorbereitet.

Vom Kind zum Erwachsenen zu werden bedeutete, die volle Verantwortung für die innere und äußere Welt zu übernehmen lernen.

Der persönliche Platz in der Welt war ein Geschenk der Geister in Form von Visionen und tiefer Selbsterkenntnis der eigenen Seele.

Man wusste, dass der Sinn eines Lebens sich erst in der Verbindung mit fremdem Bewusstsein offenbart.

Die Erweiterung der Perspektive geschieht durch die Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit und der Öffnung des Herzens gegenüber dem, was größer ist als man selbst.

Das Universum möchte, dass wir uns entfalten und das, was wir sind, der Welt zur Verfügung stellen.

Die eigene Umgebung und ihre Bewohner zu verstehen und mit ihnen in Verbindung zu treten, ist die evolutionäre Aufgabe jeder Seele.

Verwirrung und Sinnsuche

Wie viele Menschen zweifeln heute am Sinn ihres Lebens, weil sie in ihm keine Erfüllung erfahren?

Wie viele enttäuschte Seelen ertränken ihre verlorene Hoffnung auf Sinn in immerwährender Ablenkung von sich selbst?

Die Verwirrungen und Enttäuschungen einer ewigen Sinnsuche entstehen auch als Konsequenz ungelöster psychologischer Muster, die uns in der Kindheit gefangen halten.

Wir wurden nie Erwachsen. Es mangelt uns an Selbsterkenntnis.

Man hat uns nie gezeigt, was es bedeutet seelisch erwachsen zu werden und seinen wahren Platz in der Welt zu finden. Man hat uns nie gezeigt, wie wir uns selbst finden können.

Diesen Platz kann uns die Gesellschaft nicht geben, denn wir erfahren ihn automatisch als Konsequenz unseres seelischen Wachstums.

Natürlich behauptet jede Gesellschaft, dass sie wüsste, wo der Platz eines Menschen ist, um sich die Lebenskraft der Menschen für die eigenen Zwecke gefügig zu machen.

Aber der wahre Platz einer Seele existiert bereits. Er existiert, weil sie existiert.

Unser Platz offenbart sich, wenn wir die seelischen Qualitäten entwickelt haben, die notwendig sind, um ihn einzunehmen.

Wir müssen zuerst die Fähigkeit entwickeln, diesen Platz ausfüllen zu können. Etwas ausfüllen zu können bedeutet, die mit ihm verbundene Verantwortung tragen zu können.

Verantwortung nicht im moralisch-rechtlichen Sinne einer technokratischen Gesellschaft, sondern als Kraft und Wille des Herzens zur eigenen Qualität und Entscheidung zu stehen, was immer die Konsequenz sein mag.

Dafür müssen wir Mut, Demut und Achtsamkeit lernen, Tapferkeit, Mitgefühl und Glauben entwickeln, Spontanität, Unabhängigkeit, Leichtigkeit, Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und ein Gefühl für unsere Verantwortung.

Das Leben mag uns diese Qualitäten lehren, aber unserer Kultur sind sie gleichgültig geworden.

Wer dagegen seine eigene Autorität im Inneren spürt, der braucht keine im Außen und der führt auch keinen Windmühlenkampf gegen die Institutionen der Gesellschaft.

Schuld und Verantwortung

Schuld ist eine Illusion.

Die Natur kennt keine Schuld.

Die Natur kennt Ursache und Konsequenz.

Schuld dagegen ist eine moralische Bewertung.

Die Illusionen von Schuld und Scham sind es, die uns in der Kindheit gefangen halten. Selbsterkenntnis hilft uns, sie zu überwinden.

Wir erfinden Schuld, um jemand anderem die Verantwortung für eine negative Erfahrung zu geben.

Die Verbindung mag dem Verstand logisch erscheinen, doch ihr Zweck ist immer die Übertragung von negativen Empfindungen aus unserem Inneren nach Außen.

Er, sie oder es ist schuld, dass ich mich schlecht fühle, weil er, sie oder es x, y oder z getan hat.

So übertragen wir mit der Schuld die Verantwortung, was uns selbst zu Opfern und psychologisch handlungsunfähig macht.

Diese kindliche Übertragung hält uns dann in unserer eigenen Geschichte gefangen.

Aus unserer Deutung der Vergangenheit wird so eine ständige Wiederholung in Gegenwart und Zukunft. So bspw. die Überzeugungen, dass …

… das Leben gegen uns ist

… andere nur an sich selbst interessiert sind

… wir sowieso keine Chance haben

… sich der Versuch erst gar nicht lohnt, weil wir nicht gut genug sind

… und so weiter und so fort

So entsteht die Verwirrung, die Orientierungslosigkeit und die unterdrückte Wut durch das selbst geschaffene Gefängnis.

Kleinkinder wissen noch was sie wollen.

Es sei denn man hat ihnen beigebracht, sich selbst zu ignorieren.

Entweder in dem man sie mittels Konsum von sich selbst ablenkt, damit man sich nicht mit ihnen beschäftigen muss oder indem man sie ignoriert und klein macht und ihnen das Gefühl gibt, dass ihr natürliches Wollen falsch ist.

Selbsterkenntnis als Weg

Ein Kind ist zwar mit der Welt verbunden und erfährt eine Welt voller Sinn und Schönheit, es steht ihr aber eher passiv als aktiv gegenüber.

Das Gefühl des Ausgeliefertseins gegenüber der Welt bringt es dazu, eine unsichtbare Linie zwischen sich und der Welt zu ziehen. Zwischen dem, wofür es sich verantwortlich glaubt und allem anderen.

Dinge, die es zu kontrollieren glaubt und jene, denen es sich machtlos gegenüber sieht.

Diese Linie ist eine Illusion.

Erwachsen zu werden bedeutet nicht, die Welt kontrollieren zu müssen. Im Gegenteil bedeutet es, unsere innere Wahrnehmung rein zu halten und unbeeindruckt vom auf und ab der äußeren Geschehnisse aus unserem Herzen zu leben.

Ein spirituell erwachsener Mensch hat den Schmerz der Verletzungen durch die Welt so weit überwunden, dass er seine spirituelle Größe erkennt.

Sinn ist etwas, das wir entdecken und erleben, sobald sich unser Herz für die Welt öffnet.

Es gibt nichts anderes, worum Du Dich sorgen musst.

Zu leben ist die Entscheidung bedingungslos Ja zu sagen und sich mit der Erfahrung des Lebens zu verheiraten. Erst dann, kann die Kraft durch uns wirken und können Wunder geschehen.

Der Weg zur Selbsterkenntnis ist ein einsamer Weg. Auch wenn ihn immer mehr Menschen gehen, so führt er uns eben gemeinsam hinaus in die Wüste.

An keinem anderen Ort der Welt strahlen die Sterne so ungestört für alle, die sich auf den Weg gemacht haben.

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