Der heilige Gral

Auf der Pilgerfahrt versucht ein jeder Mensch sein Boot zu lenken, erst der Heilige sieht, dass er selbst der Fluss ist. – 1×1 der Mystik

Sehnsucht nach Göttlichkeit

Das Bewusstsein für unser europäisches Erbe esoterischer Weisheit und spiritueller Philosophie ist fast vollständig verloren gegangen. Unser Leben lang wurde uns erzählt, dass es Magie nicht gibt, dass der Glaube an Mystik und Wunder kindisch, wenn nicht sogar gefährlich wäre. Wer gebildet ist und ernst genommen werden möchte, der soll sich bloß nicht anmerken lassen, dass er das Unmögliche für möglich hält. Gleichzeitig mit der Verdrängung der kindlichen Sehnsucht unserer Seele, beginnen wir das Bedürfnis nach Kontakt mit dem Übernatürlichen mit Unterhaltungsangeboten zu stillen. Wir lesen Herr der Ringe und Harry Potter, spielen Rollenspiele oder schauen Gruselfilme und wir geben die Begeisterung für moderne Märchen wie Star Wars bereits an die dritte Generation weiter. Dabei erschaffen wir einen Markt für Bücher, Filme und Spiele um ein Bedürfnis zu befriedigen, dass wir uns zugleich nicht eingestehen wollen. Wir verzehren uns nach einer Berührung durch das Übersinnliche und suchen ein mystisches Abenteuer.

Wir sind auf der Suche nach etwas, das größer ist als die Enge und Langeweile unserer durchrationalisierten Maschinenwelt. Der Konsens unserer Gesellschaft aber darf nicht in Frage gestellt werden. Wer sich anmerken lässt, dass ihm das bloße Funktionieren innerhalb der Grenzen des „Normalen“ nicht ausreicht, der wird verstoßen. Darin unterscheiden wir uns nicht viel von anderen Zeiten und Kulturen mit anderen Überzeugungen und der gleichen Engstirnigkeit gegenüber allem, was Menschen über den Status Quo hinausführen konnte. Sollte eine wahrhaft offene und wissenschaftliche Gesellschaft nicht ehrlich interessiert sein, wenn Menschen davon überzeugt sind, ungewöhnliches gesehen oder erlebt zu haben? Ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung kam bereits mit einer der großen Fragen in Kontakt, die uns die Entdeckung der Quantenmechanik geschenkt hat: Ist unser Bewusstsein Kind der Materie oder die Materie nicht doch eine Schöpfung unseres Bewusstseins? Und wieso hat diese hundert Jahre alte Entdeckung noch immer keine kulturelle Konsequenz gefunden, wo sie doch so viel geistige Freiheit zu eröffnen vermag?

Das jeweils dominierende Weltbild war zu allen Zeiten und Orten der menschlichen Zivilisation ein zweischneidiges Schwert. Der Sicherheit einer festen Ordnung und ihrer Berechenbarkeit wurde immer der Vorzug gegeben gegenüber dem Risiko echter spiritueller, wissenschaftlicher oder jeder anderen Form von Freiheit. Die Unterdrückung urchristlicher und heidnischer Strömungen seit der Gründung der Kirche im vierten Jahrhundert war dem politischen Druck Roms geschuldet. Die Ausrottung schamanischer Mystik im keltischen, germanischen und slawischen Kulturkreis Europas hinterließ eine traumatische Leere, die mit dem Dogma der Staatskirche aufgefüllt wurde. Die Verfolgung und Ausrottung mystischer Strömungen im Christentum wie der Katharer und Templer im Hochmittelalter, die Hexenverbrennungen in den folgenden Jahrhunderten und die Grauen des Imperialismus und zahlloser Völkermorde vernichteten jene unschuldige Sehnsucht nach Wundern, die wir heute nicht mehr zu äußern wagen. Das schlimmste was den Völkern der Welt je angetan wurde, ist ihre spirituelle Kastration durch den politischen Arm der Religionen.

Abendländische Mystik

Kein Wunder, dass unser wahres spirituelles Erbe in Vergessenheit geraten ist und kaum jemand mehr den Wert der Mystik zu begreifen vermag. So wie überall auf der Welt kam es auch in Europa in den Anfängen des Christentums zu einer Verschmelzung alter Traditionen mit der neuen Glaubensbotschaft. Die Gnosis, mit ihrem Ursprung in den griechischen Mysterienkulten und ihrer Philosophie, verband sich mit der christlichen Botschaft und brachte Glaubensformen hervor, welche sich parallel zur römischen Diktatur entwickelten. Im Zentrum stand die Suche des Individuums nach spiritueller Selbsterfahrung im Diesseits, die Verbreitung spiritueller Erkenntnisse und ihre Erforschung, sowie der Wettbewerb von Ideen und Methoden. Nicht für alle christlichen Gemeinden war Jesus auch Gott, sondern nur ein Lehrer oder Erleuchteter, manche glaubten an Wiedergeburt, waren Vegetarier, lehrten Heilung mit geistigen Kräften und unendlich viel mehr.

Es gibt eine gnostische Bewegung, die Manichäer, deren christliches Glaubensbild von der persischer Mystik und griechischer Philosophie durchflutet war. Ihre Lehre war so weit verbreitet, dass sie rund um das Mittelmeer Einfluss besaß. Es ist stark anzunehmen, dass die von ihnen ausgehenden Strömungen großen Einfluss auf das alternative Christentum besaßen. Die gnostische Mystik der Manichäer besagte, dass das Böse erst durch die Selbstopferung des Lichts überwunden werden kann. Das Göttliche steigt mit seinem Licht hinunter in die Finsternis und wird ein Teil von ihr und so entzündet sich erneut ein Funke in der Materie, welche in ihrem tiefsten Wesen gefrorenes Licht sei. Diese beginnt sich nun an die eigene göttliche Herkunft zu erinnern und die Illusion der Trennung vom Licht, von dem sie immer ein Teil war, wird überwunden. Katharer, Bogomilen und andere Bewegungen predigten in ganz Europa die Überzeugung, dass der Mensch dazu berufen sei sich selbst zu befreien, indem er lernt sein göttliches Licht zu erkennen und zu beschützen.

Um diesem Ruf zu folgen benötigt es ungeheuren Mut, damals wie heute. Viele tausende Menschen wagten den inneren und äußeren Aufstand gegen die Kirche und wurden dafür exkommuniziert, verfolgt und getötet. Während des sogenannten Albigenser-Kreuzzugs zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden ganze Landstriche Frankreichs verbrannt. Niemals ist etwas so bedrohlich, wie der Glaube der Menschen an ihr eigenes Licht und die Freiheit, dem Geburtsrecht ihrer göttlichen Herkunft. In diesem Krieg, der mit der Hinrichtung der letzten Katharer 1244 in Montségur endete, wurde nicht nur eine weitere mystische Strömung der christlichen Kultur vernichtet. Seit dieser Zeit wagte man in ganz Europa nicht mehr sich öffentlich zu einem magischen Glaubensverständnis und mystischen Weg zu Gott zu bekennen. Mystische Traditionen wurden von diesem Zeitpunkt an im verborgenen weitergegeben und nur kodiert und unkenntlich für die Öffentlichkeit. Wer anderes wagte, setzte sich dem Vorwurf der Ketzerei aus.

Doch der Mensch findet Wege seine persönliche Wahrheit und Freiheit zu leben und an zukünftige Generationen weiterzugeben. Das große Symbol dieser gnostischen Geheimwege und ihrer Mystik war die Suche nach dem heiligen Gral. Im Mythos um König Artus und die Ritter der Tafelrunde, welche sich auf die Suche nach dem heiligen Gral machten, verbanden sich schon sehr früh die kulturellen magischen Bilder der keltisch-germanischen Welt mit den Werten und Motiven des neuen Glaubens. Ich erinnere mich gut daran, wie sehr ich gerade die Legenden um die Gralsritter Galahad, Gawain und Parzival verschlungen habe. Ihr gemeinsames Motiv war stets die Suche nach Ruhm und der Wille, sich zu beweisen. Aber ohne dass sie es selbst bemerkten, offenbarte ihr Schicksal mit jeder Bewährungsprobe ein tiefer liegendes Motiv, die Suche nach dem Ewigen und der Bedeutung für die eigene Existenz. Dafür mussten sie zahllose Tests über sich ergehen lassen, die ihre Tugenden auf die Probe stellen würden.

Der Fluss des Lebens

Der Strom der Lebensenergie ist nicht aufzuhalten und alles, was künstlich eingesperrt wurde, findet seinen Weg zurück in die Freiheit. Der Fluss des Lebens überschwemmt alle Gräben, in denen wir versuchen uns einzubuddeln. Er durchbricht alle Dämme und was sich verwirklichen will, was gesehen werden muss, das wird eines Tages auch an die Oberfläche dringen. Nichts kann auf ewig verdrängt werden. Wasser das nicht eingesperrt wurde schlängelt sich behäbig auf dem Weg zu seinem Ziel. Wasser dessen Lauf begradigt wurde, ist wütend und schnell. Es überschwemmt Orte an denen es zuvor nicht zu finden war und am Ende gelangt es doch zum gleichen Ziel, das Meer. Es spielt keine Rolle, wenn es dabei verdunstet, quasi „stirb“, der Wind treibt es weiter. Es ist ein und dasselbe. Unser Schicksal ist genauso unvermeidlich. Unsere Lebenskraft will zum Meer, sich auflösen in seiner gefühlten Bestimmung, denn Angst ist ihr unbekannt.

Das Bild des Gralsritters auf heiliger Mission steht für den Suchenden, der zu allem bereit ist um sein Schicksal zu erfüllen und wahrhaftig zu leben. Kurz vor Beginn des päpstlichen Kreuzzuges gegen die Bewegungen christlicher Mystik im Jahr 1209, vollendete Wolfram von Eschenbach im fünfundzwanzigtausend Verse umfassenden Epos des Parzival sein bekanntestes Werk. Inhaltlich wird es der Artusepik zugeordnet und gilt als eines der größten Meisterwerke mittelalterlicher Lyrik und besaß enorme kulturelle Wirkung bereits zu seiner Zeit und in den folgenden Jahrhunderten. Hinter Geschichten über Schuld und Sühne, Leidenschaft und Weisheit, gesellschaftliche Normen und ihre Grenzen in der persönlichen Suche nach Antworten ist mehr verborgen als Sprachwissenschaftler für gewöhnlich erkennen. Was auch so beabsichtigt war, denn ihr Autor musste sich schützen. Hinter allen Metaphern und Abenteuern wird die Reise des menschlichen Geistes, die Läuterung des Herzens und die Verklärung des Körpers geschildert.

Im Zentrum der Geschichte steht Parzival, der im Wald aufgewachsene gutmütige Narr mit seinem Wunsch ein Ritter zu werden. Das Schicksal hat ihn dazu auserwählt die höchste Ehre zu erfahren und König der Gralsburg zu werden. Dafür jedoch wird ihm die Teilhabe an der normalen höfischen Gesellschaft nie gelingen, er ist ein Sonderling. Stattdessen hat er sich in Selbsterkenntnis und Demut zu üben. Gawain, der am Hof aufgewachsene Ritter der Tafelrunde, findet sein Schicksal und neuen Mut nach Bewährungsproben des Herzens und der Zügelung seiner Leidenschaften. Er wird zum Vermittler zwischen Parzival und Feirefiz, dem Halbbruder Parzivals. Dieser symbolisiert den Körper der Menschheit, schwarz und weiß gefleckt, weder gut noch böse aber unfähig den Gral zu sehen. Die letzte große Aufgabe Parzivals ist es schließlich unter den Augen Gawains, seinem Herzensbruder und seiner Verbindung zur Welt, seinen Menschenbruder Feirefiz zum Gral zu führen und ihn zu erlösen.

Den Epos nachzuerzählen, mit allen seinen Wendungen und seinen Geheimnissen, dafür ist hier leider kein Platz. Aber ich will zusammenfassen, was uns die christliche Mystik lehren möchte, soweit ich das vermag. Der Geist des Menschen lebt solange in Unschuld, bis er beginnt an sich selbst zu zweifeln und aufhört, die Welt aus Kinderaugen zu betrachten. Von nun an sucht er Vergebung und Befreiung, welche er nur in der Demut findet. Das Herz des Menschen ist ängstlich und muss durch die Prüfungen des Lebens zu wahrem Mut finden. Der Körper des Menschen ist blind, doch durch das Bewusstsein des Menschen, seinen Mut und seine Demut wird der Körper geheiligt und seine Instinkte zu einem Werkzeug des intuitiven Erlebens in der Welt. So wird die Welt selbst geheiligt und offenbart nun ihre Wunder. Den Fluss, das eigene Schicksal loslassen zu können und ihm zu vertrauen, ist die größtmögliche Befreiung des Menschen. So benötigt es die Liebe und den Mut, um die Dämme zu brechen, sowie die Freiheit und den Glauben, um keine neuen mehr zu errichten, damit wir unser Schicksal erfüllen.

Wenn Du diesen Artikel magst, dann teile ihn doch mit Deinen Freunden und schaue in meiner Facebook-Gruppe vorbei. Ich freue mich jedenfalls über Deine Hilfe, meinen Blog bekannt zu machen. Vielen lieben Dank, Marc.