Deutschland

Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!

E. T. A. Hoffmann

Provokation

Selten hat mich ein Musikvideo so betroffen gemacht wie Rammstein’s neue Single „Deutschland“. Ich muss zugeben, ich mochte die Band und ihre Musik bereits davor, auch ihre Kunst der Provokation, aber dieses Video ist für mich einfach genial! Beim ersten Anschauen hatte ich bereits nach der Hälfte so starke Beklemmungen, dass ich es anhalten musste. Die Zusammenfassung der Geschichte und des Grundproblems Deutschlands in der Welt, ist so auf den Punkt getroffen, dass es mich schlagartig mit dem Kollektivschmerz dahinter verband. Es entfacht so vieles, was ich über diese Nation denke und fühle und gleichzeitig zeigt es den Weg zur Befreiung auf, ohne das auch nur zu beabsichtigen.

Es gibt keine nationale Kultur, die so sehr vom Kopf her gesteuert wird wie die Deutsche. Die Flucht aus dem Gefühl und in den Verstand ist ein pathologischer Prozess, das Verhalten von Traumatisierten. Wer das Gefühl für sich selbst verliert, der irrt umher und greift nach jedem geistigen Strohhalm in der Hoffnung, sich endlich wieder selbst zu finden. Nicht wenige werden dabei zu Opfern von religiösen, politischen oder sozialen, neuerdings sogar ökologischen Ideologien. Die Übergänge zwischen diesen sind ohnehin fließend. Was wir sind aber, ist ein Gefühl und keine mentale Konstruktion. Der Mythos einer Gesellschaft ist am Ende nur der Zauberspruch, mit dem einige wenige die vielen zu kontrollieren versuchen.

Selten hatte ich so viel Müll gelesen wie auf meiner Suche nach einer anständigen Interpretation zu diesem Video. In den Kommentaren und Rezensionen der Journalisten und vieler Kritiker spiegelt sich der verzweifelte Versuch, die Deutungshoheit über die Interpretation der Geschichte zu behalten. Denn aus dieser Interpretation wird der Mythos und die Identität geboren, das kulturelle Ersatzprodukt für die echte seelische Verbundenheit. Natürlich bekommen sie alle Panik, links wie rechts, wenn da einer über seinen Schmerz singt, den er durch den Verlust seiner Identität empfindet. Nichts ist gefährlicher, als Menschen, welche die ihnen zugeschriebene Identität in Frage stellen. Ketzer, sie gefährden die Glaubwürdigkeit des Mythos, selbst wenn sie zu gleichen Schlüssen gelangen sollten. Nur geweihte Priester dürfen die heilige Schrift interpretieren!

Das Video

Die deutsche Kultur ist zutiefst spirituell. Sie befindet sich so sehr auf der philosophisch-konzeptuellen Suche nach dem Sinn wie keine andere. Dafür liebe ich sie. Die deutsche Kultur lässt sich in ihrer Verlorenheit bis Heute wie keine andere für fremde Zwecke missbrauchen. Dafür verachte ich sie. Das Video „Deutschland“ von Rammstein beginnt mit einer Erinnerung an die römischen Eroberungsversuche Germaniens, die 16 n. Chr. in der Schlacht von Idistaviso ihr Ende fanden, symbolisch dargestellt durch die Enthauptung des römischen Legionärs, dargestellt von Sänger Till Lindemann. Im Lauf des Videos stellt er immer wieder die zentrale patriarchale Figur dar, welche Deutschland für sich beanspruchen möchte und dabei ihren eigenen Untergang beschwört.

Die schwarze Germania im Video, immer wieder in Rot und Gold gekleidet, steht vermutlich zum einen für das Schwarz in der Nationalflagge, der nationalen Trauer. Zum anderen repräsentiert sie aber auf geniale Weise die Unbegreifbarkeit ihres Wesens, denn sie wird immer etwas anderes sein als das, was die herrschenden Klassen in ihr sehen wollen. Sie passt in kein Konzept. Nachfolgend erscheint sie in spätmittelalterlicher Rüstung mit dem doppelköpfigen Reichsadler des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, dessen weltpolitische Bedeutung mit dem deutschen Urtrauma, dem dreißig jährigen Krieg ein Ende fand. Nach diesem zweiten Versuch Roms, die imperiale und religiöse Herrschaft über Deutschland zu erringen, lag das zerfleischte Reich in Trümmern, die Gesamtbevölkerung war um ein Drittel reduziert und für die kommenden Jahrhunderte seiner spirituellen Bestimmung beraubt.

Der rote Faden des Videos, der Zeitstrahl führt uns durch die nun folgenden Jahrhunderte, in denen sich der Wahnsinn quasi-religiöser Konzepte immer wieder der Seele von Deutschland bemächtigen kann, die keinerlei Gefühl für sich selbst besitzt. Banker und Industrielle, Nationale Sozialisten, Internationale Sozialisten, Machthungrige in allen ihren Verkleidungen. Zum Ende küsst Germania angewidert das Haupt des geköpften Legionärs und gebiert ihm mit Hilfe eines römischen Priesters fünf Hunde, bevor sie in todesähnlichen Schlaf versetzt, hinaus ins All geschossen wird. Das Video klingt aus mit einer Anspielung an die frühere Single „Sonne“. Die Sonne versank, als sich das Land in seiner Verlorenheit so weit selbst selbst zerfleischt hatte, dass nur noch der Religion (Mythos, bzw. künstliche Identität) hörige Hunde übrig geblieben waren.

Identität und Verbindung

Alle politischen und religiösen Konzepte zur Identität von Gesellschaften ähneln sich darin, dass sie die Verantwortung des Einzelnen für sich selbst auf die Masse übertragen und den Einzelnen so zum Sklaven machen. Echte Identität gibt es nicht. Sie sind alle künstlich! National, International, scheißegal! Identität ist ein Konzept zur Bestimmung emotionaler und sozialer Abhängigkeiten gegenüber einer Kultur (Familie, Region, Deutschland, usw.) und dient mit Heilsversprechen und Gruppenkuscheln immer nur der Herrschaft. Ganz egal durch wen. Die Freiheit des Kriegers liegt in seiner Fähigkeit, sich so weit vom Kollektiv zu lösen, dass er wieder beginnt sich selbst zu spüren. Alle anderen machen sich zum Opfer aus Angst nicht dazuzugehören. Und doch befinden wir uns alle in dem Konflikt, den der Sog kollektiver Kraft auf uns ausübt.

Der Ursprung dieser Kraft liegt in unserer unbewussten Verbindung zum kollektiven Schmerz verborgen, der uns wie ein roter Faden durch Raum und Zeit hinweg verbindet. Unsere Psyche und unser Ego sind unter anderem die Folge unseres jeweiligen Familiendramas. Dieses wurde geprägt durch die unzähligen Katastrophen unseres Stammbaums, der uns am Ende mit allen Menschen dieser Welt in der Erfahrung tiefsten Leids verbindet. Die Macht dieses kollektiven Schmerzes kann gefühlt werden. Wer es einmal erlebt hat, der wird es nicht mehr vergessen! Hinter diesem Schmerz aber liegt auch unsere Freiheit verborgen, sowie unsere vollständige Fähigkeit uns in Liebe zu verbinden. Womit wollen wir uns verbinden? Einer illusionären Idee oder doch lieber mit dem Leben selbst, der spirituellen Natur in und außerhalb von uns? Sofern wir sie erkennen können.

Verbindung ist ein Gefühl des sich Erkennens im Außen, im Gegenüber. Die notwendige Sensibilität zur Verbindung entsteht aber erst, wenn ich mein Bedürfnis nach einer vom Menschen konstruierten Identität aufgeben kann. Dann werde ich feststellen, dass es eine Form der Identität gibt, die keiner Erklärung bedarf, die aus der Natur selbst kommt und zu ihr zurück führt. Das Konzept der politischen oder religiösen Identität bemisst die Entfernung von uns selbst, ist ein künstliches, pathologisches Konstrukt, eine Krücke zur Orientierung in der Welt. Wir benötigen diese Krücke nur, solange wir am Schmerz festhalten und er an uns. Es gibt keine Lösung für den Schmerz außer dem Loslassen. Das bedeutet nicht mehr retten zu wollen, sondern in Liebe (Verbindung) anzunehmen und die Verbindung mit dem Natürlichen und Ewigen in uns selbst zu suchen.

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