01 Die Macht des Mythos

Am Anfang war der Mythos

Die Verstoßung aus dem Paradies ist der primäre Mythos unserer Zivilisation, da aus ihr die Vorstellung der Ursünde des Menschen hervorging, welche an die Kinder Adams vererbt wurde. Interessanterweise wurde durch die Kirchen nie eine philosophische Definition festgelegt, welche erklärt, woran der Mensch angeblich leidet. Das ist sehr nützlich, da man sich so seltener in Widersprüche verwickelt, während man die Massen demütig am Boden hält.

Diese Freifahrkarte zur Interpretation von Gut und Böse, sowie ihrer Konsequenzen in Schuld und Sühne, wurde auch nach der Aufklärung von ideologischen Apologeten jeder politischen Färbung dankbar aufgenommen. Der Mythos wurde nie abgeschafft, nur neu ausgelegt. Ironischer Weise beantwortet uns gerade die Geschichte von der Verstoßung selbst in ihren mystischen Bildern, wie es dazu kam.

Der Baum des ewigen Lebens und der ihm gegenüber stehende Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, stehen für zwei sich gegenseitig ausschließende Prinzipien der Wahrnehmung. Auf der einen Seite die intuitive, aus der Ewigkeit geborene Erfassung der Welt durch gefühltes Wissen. Ein Wissen, das sich nur einem Geist mitteilt, welcher die unschuldige Klarheit eines Kindes oder Tieres besitzt, das „arm“ im Geiste ist.

Auf der anderen Seite der wertende Verstand, welcher den Geist erfüllt mit Interpretationen von Richtig und Falsch. Eben so sein zu wollen wie Gott und über die Welt urteilen zu dürfen. Der Verstand selbst ist dabei nicht das Problem, sondern die Ignoranz, mit welcher er geführt wird. Was uns zurück bringt an die Ursprünge des Mythos, der farbenfrohen Erklärung, weshalb die Welt angeblich so ist, wie sie ist und alle Sünder sind, welche das nicht begreifen wollen.

Ein System der Kontrolle

Wie verwendet der Mensch seinen Verstand, wenn er sich die Welt wertend, also moralisch erklärt? Jede religiöse, politische oder anderweitige Vorstellung von der Welt besitzt einen Mythos, braucht ihn, um ihre Vorstellung von Moral, von Gut und Richtig begreifbar zu machen. Damit teilt sie die Welt in Sünder und Gläubige, Rechtschaffene und Verdammte, Gerechte und Ausbeuter, Rationale und Irrationale, Freiheitskämpfer und Unterdrücker, Kulturvolk und Barbaren und so weiter und so fort.

Es gibt hier keine politische oder religiöse Strömung, die davon frei wäre. Das gleiche Muster der Verurteilung und Bekämpfung, die selben emotionalen Reaktionen, die gleiche Arroganz findet sich auch in der Begegnung von Klassen und Kulturen, ja auch die „objektive“ Wissenschaft ist voller Mythen und Kämpfe um die einzig wahre Interpretation des Seins. Die Täuschung der Schlange lag nicht in der Verführung des Menschen die Gabe des Verstandes anzunehmen. Das Unglück des Menschen begründet sich in der Gerechtigkeit ihrer Verteilung. Jeder meint, dass er genug von ihr besitzt.

Nur wenige fragen danach, weshalb sie denken, was sie denken. Noch seltener kommt einem die Erkenntnis, dass man nicht alles glauben sollte, was man denkt. Wir hinterfragen unsere Gedanken nicht, weil wir uns mit unseren Emotionen identifizieren und diese bestimmen, bewusst oder unbewusst, was wir uns zu denken trauen. Bevor wir beginnen, unseren Verstand zu trainieren, hat sich das Gerüst unseres Mythos bereits geformt. Unsere Kultur und Sprache prägen, in welchen Formen wir denken können und unsere Erfahrungen und eingewachsene Verhaltensweisen bestimmen, was wir bereit sind in Frage zu stellen.

Sich außerhalb der von unserem Umfeld genehmigten Gedanken zu bewegen macht uns Angst. Wir haben gelernt, dass wir bestraft und geächtet werden, für den Verstoß den Mythos zu bezweifeln. Wie immer der auch lauten mag. Es ist ein System der Kontrolle. Das Kollektiv formt so den Menschen, welcher ihm dienlich ist. Wer jetzt seinen persönlichen Mythos daran ausrichtet, das System zu bekämpfen, tut ihm nur einen Gefallen. Er macht sich selbst zu Spiegelbild, zum Antichristen, zum ewig Gestrigen und bleibt damit im gleichen Mythos gefangen.

Der wahre Mythos

Es gibt nur einen Ausweg aus der Misere. Das eigene Urteilen und Werten zu beobachten und wo immer Widerstände ihre hässliche Fratze zeigen, sich bewusst zu machen, dass ihr Ursprung Angst vor der Freiheit ist. Denn wir lieben unsere Mythen von der Gerechtigkeit, von Richtig und Falsch, der einzig wahren Form und Weise wie irgendwas zu sein hat. So haben wir immer jemanden, auf den wir unsere negativen Emotionen projizieren können und müssen nie die Verantwortung für sie übernehmen. Wir besitzen immer eine Ausrede und bleiben so für immer versklavt. Zombies, getrieben von Gier und Angst, getarnt unter moralisch einwandfreiem und tüchtigem Verhalten, tugendhafte Ritter, Helden der Arbeit.

Man mag fragen, was bleibt, wenn wir den Verstand bei Seite legen und unsere wahren Motive und tiefsten Abgründe erforschen? Möglichkeiten. Die Klarheit der Unschuld. Dann gibt es nur noch Dinge, die uns anziehen oder abstoßen, wie ein Kind, dass der Welt vorurteilsfrei und voller Staunen gegenübersteht. Nur wenn ich staune, bin ich fähig wahrhaft zu lieben. Nur wenn ich aus reinem Herzen liebe, erfahre ich Respekt gegenüber dem, was ist. Wahrhaftigkeit, Liebe und Respekt sind Anlagen der Seele. Die Moral des Verstandes verfälscht sie nur, damit wir fremden Mächten dienen.

Der wahre Mythos wird nicht mit der Sprache des Verstandes erzählt. Er spricht direkt zu uns und wir erfahren ihn durch die Sprachlosigkeit des Herzens gegenüber der Schöpfung. Nur hier gibt es wahre Erkenntnis. Erst im Moment wo wir loslassen vom Zwang, die Welt beherrschen zu wollen und zum kindlichen Staunen zurückkehren, erfahren wir Freiheit. Erinnern wir uns also, wie es sich anfühlt zu staunen.

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