S3 Verletzbarkeit ist sexy

When routine bites hard,
And ambitions are low,
And resentment rides high,
But emotions won’t grow,
And we’re changing our ways,
Taking different roads.
Then love, love will tear us apart again.

IAN CURTIS

Der Schlüssel zu jeder Form von Beziehung

Nichts ist schwerer, als authentisch zu begehren und dabei verletzbar zu bleiben. Vermutlich ist niemand von uns jemals einem Menschen begegnet, der davon verschont geblieben wäre, in der Liebe enttäuscht zu werden. Unser vergangenes Erleben von Liebe und Zugehörigkeit in unserer Kindheit und frühen Jugend bestimmen unsere Vorstellung von Liebe in der Beziehung zu anderen Menschen. Also wie wir uns fühlen müssen, um uns Liebe zu verdienen oder um nicht von ihr verletzt zu werden. Eltern, Geschwister, Lehrer, Mitschüler jeder von uns besitzt seine eigene Wunde und gibt sie unerlässlich an andere weiter. Wir beginnen zu glauben, unsere Verletzbarkeit unterdrücken zu müssen, um uns der emotionalen Unzuverlässigkeit und „unbeabsichtigten“ Kälte bspw. unserer Eltern nicht aussetzen zu müssen. Wir beginnen uns in unserem körperlichen und emotionalen Selbstausdruck den Personen anzugleichen, von deren Zuneigung unser Überleben abhängig ist. Je früher die Prägung entsteht, desto stärker bestimmt sie unsere auf ihr folgenden Erfahrungen.

Wer bspw. unter einem jähzornigen Elternteil leiden musste, der hat mit hoher Wahrscheinlichkeit gelernt Konflikten aus dem Weg zu gehen oder sie selbst zu beginnen, um am Ende nicht der „Verlierer“ zu sein. Wer überempfindliche Familienmitglieder besitzt, der lernt auf Zehenspitzen um deren Gefühle herum zu tanzen und wird sich später eventuell schwer tun, starke Emotionen auszudrücken. Mit den Jahren bauen unsere Vertrauensverluste Abwehrmechanismen auf, welche unsere Verletzbarkeit verbergen sollen, dabei aber unsere Authentizität untergraben, weil wir ganz einfach vergessen, wer wir wirklich sind. Wir fühlen nicht mehr uns, sondern die Person, die wir gelernt haben zu sein. Wir erleben Scham, Furcht, Wut, Trauer wann immer wir der Verletzbarkeit hinter der Maske näher kommen. Wir selbst sind uns dabei unserer Masken mehr im Unklaren als unsere Umgebung. Aber wir haben gelernt mit unserem inneren Chaos umzugehen, Rücksicht auf andere zu nehmen und den Anschein von geister Klarheit zu bewahren. Jedenfalls solange bis wir uns verlieben.

Kurioserweise gibt es keine Ebene von Beziehung zwischen Menschen, auf der wir so weit zurück in unsere Kindheit und Jugend geworfen werden, wie in der romantischen Liebe. Wir verschenken unsere Zuneigung nicht allein aus einer Quelle. Unsere Vorstellung von Liebe, unsere Fähigkeit unser Herz zu öffnen, unsere sexuelle Ausdrucksfähigkeit, unsere Selbstliebe und ihr Mangel haben alle Einfluss darauf, in wen wir uns verlieben und wer sich uns gegenüber öffnet. Daher besitzen die meisten Menschen auch recht offensichtliche Muster in ihrem Liebesleben. Unsere Partnerauswahl führt uns zu Personen, mit deren „Hilfe“ wir unser emotionales Innenleben im Außen reproduzieren können. Im gewissen Sinne wollen wir leiden, da wir uns nur so klar darüber werden, wo es uns an Selbstliebe mangelt. Die Beziehung zu uns selbst ist die einzige, an der wir wirklich arbeiten können. Der Schlüssel zu jeder Form von Beziehung ist Authentizität und Offenheit. Nur in unserer Verletzbarkeit verborgen liegt das, was fähig ist wirklich zu lieben und es wahrhaft wert ist, geliebt zu werden.

Kleinkrieg der Lebensenergie

Auf der Suche nach sozialer Anerkennung lernen wir schnell, dass wir bestimmte Emotionen und Gefühle unterdrücken müssen, wenn wir unsere Verletzbarkeit nicht offenbaren wollen. Wir lernen, dass wir für unsere Schwächen abgelehnt werden, weil unsere Altersgenossen wie die meisten Erwachsenen mit ihren Verletzungen und Schwächen genauso wenig umgehen können und jeder versucht, stärker zu erscheinen als er ist. In einer pathologischen Gesellschaft wird Authentizität nicht belohnt. Wir führen die verschiedenen Aspekte unseres verletzbaren Gefühlslebens nicht ans Licht, um sie zu verstehen und mit anderen zu teilen. Stattdessen lernen wir sie zu verdrängen und sehen uns dann Märchenfilme über das Gute und die Liebe an, um uns Hoffnung auf Erlösung zu machen. Gleichzeitig sexualisieren wir unsere Gesellschaft und glauben, das hätte keine ernsthaften Konsequenzen für unsere Bindungsfähigkeit. Aber bevor ich mich hier verrenne: Wer wirkliche Freiheit sucht und sich selbst verstehen möchte, der muss sich ohnehin vom Kollektiv verabschieden.

Was wir während unserer Pubertät von der Gesellschaft an Wertvorstellungen übernehmen, muss wieder losgelassen werden, vollständig und rückstandsfrei. Unsere Seele besitzt bereits alle Werte, welche wir jemals benötigen werden. Sie ist die einzige, die uns aus der Verwirrung unserer Widersprüche führen kann. Sie weiß, welche Menschen uns erfüllen können. Unsere Sexualität weiß das nicht und unsere Bindungshormone und überreizten Emotionen genauso wenig. Liebe und Verliebtheit sind kein Widerspruch, aber Verliebtheit zunächst nichts weiter als Überkonzentration auf eine Person, die von uns unbewusst ausgewählt wurde. Aber wer hat sie jetzt ausgewählt, unsere Seele oder doch unsere malträtierte Psyche? Der Witz ist, es gibt hier keinen Widerspruch. Unsere Seele kann nicht gegen unsere Psyche agieren. Unsere Psyche borgt sich die Energie unserer Seele, um sich auszuleben und tut es so lange, bis wir ihrer überdrüssig werden. Sobald wir aufhören, unsere Bindungsfähigkeit und Sexualität gegeneinander auszuspielen, entsteht Klarheit.

Für unsere Seele sind Sexualität und Beziehung Werkzeuge zur Selbsterfahrung, aber nur unsere Psyche befindet sich in Abhängigkeit von diesen Erfahrungen. Für unsere Seele ist das Ziel ihrer Schöpfung klar und sie kann alles in einen gemeinsamen Fluss bringen. Unsere Psyche jedoch romantisiert unsere Sexualität, weil sie ihren Mangel an Selbstliebe ausgleichen möchte und sie blockiert unsere Bindungsfähigkeit, weil sie sich vor weiteren Verletzungen fürchtet. In diesem Widerspruch sitzen wir gefangen und unsere verfälschte Persönlichkeit sendet die falschen Signale an die falschen Menschen und kann umgekehrt die wahre Persönlichkeit dieser Menschen ebenso schlecht erkennen. Im Laufe der Jahre lernen wir dazu und werden offener. Die meisten Menschen führen dann Partnerschaften, in denen sie sich wie in Spiegelbildern aneinander abarbeiten. Wir wünschen uns Ruhe für unser geschundenes Herz, aber unsere Seele ist nur an einer Sache interessiert: Entwicklung. Und wir spüren ihren Schmerz, wenn in unseren Beziehungen die Enge fauler Kompromisse und verdrängter Wünsche Einzug erhalten hat.

Verletzbarkeit ist Selbstliebe

Die sexuelle Lebensenergie ist zugleich auch die Energie unserer kreativen Ausdrucksfähigkeit und unseres Vermögens, positive Entwicklungen in unser Leben zu ziehen. Unterdrücken wir unsere Sexualität, dann leidet auf Dauer unsere Kreativität und unsere Lebensfreude. Wer als Kind durch Unverständnis oder Misshandlung gelernt hat, seine emotionalen Bedürfnisse zu unterdrücken, wird auch seine Körperlichkeit und Kreativität teilweise oder ganz unterdrücken. Später suchen wir dann jemandem der fähig ist, uns sexuell und kreativ zu befreien, weil wir es selbst nicht können. Wir beginnen uns in Tragträumereien und romantischen Fantasien auf Menschen zu fixieren, welche diesem gebastelten Idealbild entsprechen. Wir beginnen auf äußere Reize sexuell und emotional zu reagieren, die für unsere Seele wertlos sind, unserer Psyche aber attraktiv erscheinen. Wir benötigen die Sexualität einer anderen Person, um unsere eigene leben zu können. Für unsere Seele ist nur entscheidend, dass wir zu uns selbst und unserer eigenen Kraft zurückfinden. Der Weg ist ihr egal und wenn es endloser Liebeskummer ist.

Eine andere Variante ist die Tendenz nicht die Sexualität, sondern die Bindungsfähigkeit zu blockieren. Vielleicht musste ich in der Vergangenheit zu viel Verrat an meinem noch jungen Herzen erleiden, verbinde dadurch Nähe mit Gefahr und renne davon, sobald ich vertrauen muss. Meine Psyche wird es dann lieben, sich mit Menschen zu messen, die selbst keine Nähe zulassen können. Denn dann muss ich es ja auch nicht, aber kann davon träumen, dass es irgendwann schon werden wird. Hier reagiert man dann unterbewusst positiv auf abweisendes Verhalten des Gegenübers. Man hat ihn sich gewählt, um sich zu beweisen, dass man würdig ist. Man strebt danach, den vergangenen Schaden wieder gut zu machen und wie könnte man das mit einem Menschen, der einem einfach so seine Liebe gesteht? Eine Person mit echter Herzenswärme wirkt dann bedrohlich, kitschig, unattraktiv, nicht interessant genug. Natürlich tragen wir alle mehr oder weniger beide Varianten in uns. Wir wollen vermeiden sexuell oder vom Herzen her abgelehnt zu werden und verstecken uns daher unter Masken, hinter denen wir selbst nichts mehr erkennen können.

Unter dem Einfluss der Masken versuchen wir unsere Mitmenschen und Partner zu manipulieren, um uns die Illusion von sexueller und sozialer Sicherheit zu verschaffen. Unsere Lebensenergie ist dazu da, verschenkt zu werden. Jeglicher Versuch über das Herz oder unsere Sexualität Kontrolle über mein eigenes Leben oder das anderer zu erhalten führt zu Leid. Zudem bin ich durch die geschwächte Wahrnehmung nicht mehr fähig anzunehmen, was mir geschenkt wird. Sexualität und Bindungsfähigkeit sind nicht dazu da, uns vor unseren Lebensängsten zu beschützen, sondern Entwicklungswerkzeuge für seelische Offenheit. Das Ziel ist Verletzbarkeit. Verletzbarkeit wiederum öffnet meine Kreativität und Ausdruckskraft. Sie freizulassen bedeutet, mich wieder dem Lebensfluss anzuvertrauen. Als unschuldiges Kind, so als wäre nie etwas Schlechtes passiert.

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