Winter

Der Winter und seine Botschaft

Es regnet oder schneit, der Himmel ist dunkel und die Luft feuchtkalt oder von trocken schneidendem Frost erfüllt.

Ich habe den Winter seit meiner Pubertät nie mehr sonderlich gemocht. Überflüssig all die Kälte, die Nässe, die Trostlosigkeit und das Fehlen der Sonne, welches jede Freude zu ersticken droht.

Heute muss ich einsehen, dass ich den Winter einfach nicht mehr verstanden hatte und unfähig war, seine Klarheit und Frische zu fühlen.

Keine Zeit des Jahres birgt die gleiche Tiefe, denn in all seiner Kargheit repräsentiert der Winter eine bedeutende Zeit der Reinigung.

Was sich überlebt hat stirbt und macht Platz für Neues. Doch was im Winter geboren wird, bleibt zunächst unsichtbar für das äußere Auge. So wie sein Spiegelbild der Sommer das äußere Wachstum beflügelt, findet das Wachstum des Winters in unserem Inneren statt.

Es folgt dem Wesen der Natur, im Frühjahr das Erblühen der Seele zu sehen, das frohlockende Wachen aus tiefem Schlaf und der Zurückgezogenheit des Winters.

Das muss den Winter aber nicht schlecht machen, denn das Frühjahr lässt nur erblühen, was den Winter über in der Seele Form gefunden hat. Der spielerischen Begeisterung und dem Durchatmen in der duftenden Frühlingsluft stehen im Winter nicht Hoffnungslosigkeit und Lähmung gegenübe.

Nur wenn ich das so sehen möchte!

Was der Winter bringt, sind Reinigung, Stille und Besinnung, sowie die Möglichkeit alles Alte auszusortieren, das in meinem Leben keinen Platz mehr besitzt.

Stille und Bewegungslosigkeit sollen uns ermöglichen zu erkennen, was uns hindert und was uns gut tut. Eine neue Vision von uns selbst erhält Raum und wenn das Frühjahr kommt, ist sie reif und darf sich entfalten.

Der Sommer dann bringt usprüngliche Lebenslust und das Wachstum im Außen, welches allem Leben ermöglicht seinem Traum Form zu verleihen. Die Seele kann tanzen vor Freude in einem Regen aus Lebensenergie.

Energie, welche der Winter uns entzogen hatte, damit wir stille wurden und aufhörten, uns kontinuierlich zu bewegen.

Doch zunächst folgt die emotionale Hitze des Sommers und wir versinken in seiner Lebendigkeit nur um an seinem Ende in die Fülle des Herbstes zu wechseln.

In all dem Überfluss und der Ernte für die Arbeit an unseren Ideen ahnen wir doch, dass unsere Überschwenglichkeit auch ein Ende haben muss. Deshalb drehen wir bis zur Wintersonnenwende noch einmal so richtig auf und verwöhnen uns mit all der Süße deren wir habhaft werden können.

Nieder mit der Zurückhaltung, wir wollen uns lebendig fühlen!

Der Schneeleopard

Ich habe den Winter nie wirklich verstanden.

Alles was ich sah, war die Zunahme der Traurigkeit, der Hoffnungslosigkeit, der Energielosigkeit und des immergleichen Elends.

Wer den Herbst mag und dabei nicht gleich an den grauen Matsch des Spätherbsts denkt und sich nicht vor Ekel schüttelte, musste wohl Masochist oder zumindest versteckt depressiv sein.

Kälte war auch noch nie mein Freund, zu unbequem, zu herausfordernd, zu brutal.

Arktisforscher und Himalayabezwinger waren für mich Verrückte, Eskimos arme Schweine und Kaltduscher manische Extremsportler. Doch heimlich habe ich immer Tiere und Menschen bewundert, die es schaffen, sich mit der Kälte anzufreunden.

Nie konnte ich mir vorstellen, dass man diesem Abschnitt des Jahres überhaupt etwas abgewinnen kann. Stattdessen wartete ich ungeduldig auf den Frühling, damit er uns von der Tristess erlöse.

Komisch nur, dass mein Lieblingstier der Schneeleopard durch seine einsamen Streifzüge auf bis zu 6.000 Metern Höhe durch die kahle Gebirgslandschaft Zentralasiens geführt wird.

In der kraftvollen Anmut der Raubkatze spiegelt sich die brutale Welt in der sie lebt.

Die Fähigkeit, Einsamkeit nicht als Fluch sondern als Segen zu erleben, der Kälte, dem Wind und den Steinen nicht nur zu trotzen, sondern sie dem eigenen Lebensweg einzuverleiben, verleiht dem Schneeleoparden eine besondere Aura. Das Tier verbindet mit seiner Ausdauer, Kraft und Scheue alle Qualitäten, welche ich auch an Menschen bewundere.

Mir wird erst langsam klar, dass mich der Winter im Herzen nie verlassen hatte, weil ich eine seiner Lektionen niemals annehmen wollte:

Das Gefühl in ewigem Grau zu leben, ohne jemals wirklich und ohne Angst und schlechtes Gewissen, die Freude der Blüte, die Hitze der Leidenschaft oder die Fülle der Ernte genießen zu dürfen.

Von einem Winter geriet ich wie durch Zauberhand immer gleich in den nächsten. Die anderen Jahreszeiten erhielten nur ein kleines Intermezzo.

Ich kann an den Fotos meiner späten Kindertage sehen, wie der Winter Stück für Stück Einzug erhielt. Das Lachen gefror innerhalb weniger Jahre, bis nichts von ihm übrig blieb und alles was der Winter mir liess, war ein Traum von Lebendigkeit.

Der Winter lies mich niemals los, weil ich ihn nicht anzunehmen fähig war.

Ich wollte seine Bitterkeit nicht spüren.

Väterchen Frost

Was wir nicht bereit sind loszulassen, das verfolgt uns auf ewig.

Wer weiter gehen will, nach Außen zur Sonne oder in die Blüte seiner Seele, der muss den Winter akzeptieren, seine Lehren annehmen und ihn dann hinter sich lassen.

Der darf nicht festhalten am süßen Schmerz der Einsamkeit und Leere, an der Sicherheit der Stille. Wenn wir die Welt anklagen und ihr den Winter zum Vorwurf machen, dann wird sich die Welt in ewiges Eis verwandeln.

Erst unsere Bereitschaft die Lehren der Ruhe, des Vertrauens und der Besinnung anzunehmen, erlaubt es der Sonne unser Eis zu schmelzen. Wer zu sensibel ist seinen Schmerz zu ignorieren, den Winter aber nicht annehmen möchte, der gefriert zu der gleichen Härte und Bitterkeit, die er ihm vorwirft.

Aber der Winter ist nur eine Jahreszeit und seine Lehre die Stille. Schweig und lausche, will er uns sagen.

Hör auf Dich zu fordern, dem Leben Ergebnisse abtrotzen oder zwanghaft Entscheidungen finden zu wollen.

Hör auf Dich zu messen und zu vergleichen, Pläne zu schmieden und Dich im Kreis zu drehen. Wenn der Schnee fällt und die Landschaft unter dickem Weiß in tiefen Schlaf fällt, dann ist es kein Leichentuch, das sich über das Leben gesenkt hat.

Der Atemzug der Welt verlangsamt sich nur, um allem was lebt die Gelegenheit zu geben, sich zu entscheiden.

Wie will ich das kommende Jahr erleben? Was nehme ich mit, aus dem alten und was muss sterben, damit etwas vollkommen Neues geboren werden kann?

Nichts was neu ist, kann vollständig vorhergesehen werden. Eine leise Ahnung mag mich erfüllen oder eine Hoffnung für die Zukunft, doch das Fundament für das Schicksal liegt hier begraben im tiefen Schnee.

Wenn ich zögere mich der Kälte zu öffnen, dann verpasse ich die Gelegenheit mich von ihr reinigen zu lassen. Es ist nicht meine Entscheidung, was lebt oder was sterben soll.

Doch wenn ich an toten Dingen festhalte, dann wird mein Herz gefrieren und selbst der kommende Sommer wird es nicht erwecken können.

Also muss ich mich dem Urteil des Winters ergeben, schweigen, Ruhe suchen, in die Tiefe meines Herzens gehen und Väterchen Frost überlassen, was sein ist.

Sein eisiger Griff ist keine Strafe, sondern Befreiung, es trennt die Lebenden von den Toten. Diejenigen die den Winter verstehen, von jenen die es nicht tun.

Auf dass es Frühjahr werde …

Wenn Du glaubst, dass dieser Artikel anderen helfen kann, dann teile ihn doch mit ihnen und abonniere die Facebook-Gruppe.